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Doppelte Standards

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Von: Anetta Kahane

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Mann mit Kippa.
Mann mit Kippa. © epd-bild/Norbert Neetz

Ein Künstler äußert sich antisemitisch. Trotzdem wird seine Gruppe zur Documenta eingeladen und Kritik daran abgewehrt. Die Kolumne.

Im vergangenen Jahr fanden viele Veranstaltungen statt, die 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland feierten. Wunderbar vielfältiges jüdisches Leben war zu sehen. Das Jüdische gehört zum Fundament der europäischen Kultur, hieß es. Ja, es war wie eine große Party.

Trotzdem lebt Deutschland parallel dazu eine Stimmung, die man getrost als ein Unbehagen am Jüdischen beschreiben kann. Wann immer sich etwas Jüdisches im Raum zeigt, steht gleich daneben der riesige graue Elefant. Unbehagen und Aggression kleben direkt an der Rückseite einer Maske des Bekenntnisses gegen jeden Rassismus und Antisemitismus.

Solange die Jüdinnen und Juden dabei ruhig Objekte bleiben, die man beschreiben und beurteilen kann, geht auch alles gut. Jedoch wehe, wenn sie dazu etwas Kritisches sagen oder sich gar einmischen. Dann zeigten sich, dass hier andere Standards gelten als bei anderen Minderheiten.

Die Documenta ist dafür ein Beispiel. Das Künstlerkollektiv der Kuratoren Ruangrupa sieht sich einem Antisemitismusvorwurf ausgesetzt. Sie hat eine palästinensische Gruppe eingeladen, deren Vertreter nicht nur, wie so viele andere Künstlerinnen und Künstler, die antisemitische Boykottbewegung gegen Israel BDS gut finden oder Teil davon sind. Sondern einem Künstler geht BDS nicht weit genug.

Er fordert die Abschaffung des „zionistischen Staates“. Europäische Nationalstaaten hätten die Vernichtung von Jüdinnen und Juden eingeleitet, daher dürfe man den Staat Israel nicht als ihren Befreiungsschlag einstufen, sondern als eine Fortsetzung ihrer Unterdrückung. Yazan Khalili vergleicht Israel – mit anderen Worten – mit Deutschland unter Führung des NS-Regimes. Solche Auffassungen sind weit verbreitet, doch es macht sie deshalb nicht weniger antisemitisch. Bei der Documenta gilt so etwas als Nebenwiderspruch, der halt zur Kunstfreiheit gehört.

Als es dagegen Kritik gab, wurde die abgewehrt. Man sehe nirgendwo Antisemitismus, sagten Menschen, die ihn nie erleben mussten. Man weise zurück. Man verwahre sich. Und der Zentralrat der Juden, als er sich in einem nicht öffentlichen Brief darüber beklagte, aktiv aus Gesprächen herausgedrängt worden zu sein, ist am Ende der große Unruhestifter.

Was bilden die sich ein, heißt es in den Kommentaren. Wer sich antisemitisch äußert und was Antisemitismus ist, bestimmen wir. Wir sagen auch, dass Antisemitismus auf eine Weise zu definieren ist, die uns passt. Wenn es den überhaupt gibt. Und wir erklären den Staat Israel zum Symbol des Schlimmsten, das die Welt je gesehen hat. Wer dieses Wir ist, bleibt unklar. Eine Erklärung der indonesischen Gruppe klingt jedenfalls weniger nach Künstlern, sondern eher wie ein bürokratischer Propagandatext aus einer Berliner Zeitung.

Man stelle sich dieses Geschehen mit Schwarzen Künstlern vor, denen bei Kritik gesagt wird, wo man Rassismus sehe und wo nicht und wann sie mitreden dürften, wenn sie nicht einverstanden sind. Und dass es Nebenwidersprüche in der Kunstfreiheit gibt, die sie halt hinnehmen müssten. Hoffentlich ist das in Deutschland unvorstellbar! Und gewiss wären die Reaktionen darauf berechtigterweise heftig und erfolgreich. Die Party würde zu Recht anders laufen. Wieso gilt das Gleiche nicht, wenn es um Jüdinnen und Juden und Antisemitismus geht?

Anetta Kahane war Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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