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Grüne Bohnen.
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Grüne Bohnen.

Kolumne

„Dörre Bohnen“

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Es gibt Gerichte, die sind nur regional bekannt und oft verschwunden. Ähnliches lässt sich aber an anderen Orten finden. Die Kolumne.

Eigentlich hab’ ich’s ja nicht so mit Anglizismen. Denn zum einen ist durch ihre allzu häufige Verwendung ein erhaltenswertes Kulturgut gefährdet, die deutsche Sprache. Außerdem entspringen sie meist einer Denkfaulheit, denn die Zierde des treffenden Ausdrucks erfordert oft eine kurze Zeit des Überlegens. Es gibt aber Ausnahmen.

Eine ist zum Beispiel der Ausdruck „Lost Places“. In ihm schwingt das nötige Mystische mit, um das Gefühl zu beschreiben, das einen beim Betreten eines aufgelassenen Gebäudes umschleicht. Wenn es dort nach Moder riecht, nach stehengebliebener Zeit, nach einem Gestern, das sich nur schwer vom Heute trennen kann. „Verlorene Plätze“ dazu zu sagen, würde dem geheimnisvollen Gesamten nicht gerecht.

Vor diesem Hintergrund entfuhr mir kürzlich der Ausdruck „Lost Foods“. Was damit gemeint ist, erklärt sich wohl von selbst. Bei der wörtlichen Übersetzung „Verlorene Lebensmittel“ würde man sofort an einen Melonentransporter mit offener Ladeklappe denken oder, etwas metaphorischer, an Verlorene Eier. Nicht aber an das, was mit Lost Foods gemeint ist – nämlich Gerichte, die bestenfalls unsere Oma noch kannte, aber längst in Vergessenheit geraten sind.

Eines davon geistert mir seit Jahrzehnten durch den Schädel. Vor fünfzig Jahren noch wurde das in meiner pfälzischen Geburtsstadt Pirmasens in fast jedem Haushalt aufgetischt. Immer im Winter, wenn es draußen unwirtlich und frostig war, wenn die Menschen etwas Warmes, Nahrhaftes und Sättigendes im Magen brauchten. Gemeint sind „Dörre Bohnen“.

Das sind breite grüne Bohnen, die im Herbst, auf langen Leinen aufgefädelt, überall bei den Leuten auf den Balkonen langsam im Wind trockneten. Waren sie hart und dunkelbraun, wurden sie in Leinensäckchen auf den Speicher gehängt und bildeten einen Wintervorrat, der bis weit ins nächste Jahr reichte. Sie mussten zuerst über Nacht in Wasser eingeweicht werden und dann zubereitet wie zum Beispiel Sauerkraut. Also zusammen mit etwas Geräuchertem gekocht und mit Kartoffelstampf serviert.

Interessant, dass man diese Köstlichkeit nur in Pirmasens kannte. Nur wenige Kilometer weiter gab es das nicht. Heute sind Dörre Bohnen in Vergessenheit geraten. Schon lange forsche ich nach ihnen, mit nur wenig Erfolg.

In Teilen Frieslands gibt es so etwas auch, fand ich heraus, man nennt es dort „Updrögt Bohnen“. Und in manchen Gebieten der Schweiz kennt man sie ebenso. Es gibt sie da sogar in einigen großen Supermärkten zu kaufen. Vor Jahren erstand ich dort einige Päckchen, das Ergebnis war ernüchternd. Hergestellt in China und auch im Kochtopf noch vollkommen frei von Geruch, Geschmack und Aroma. Ein Fall für den Biomüll.

Nun aber, vergangenes Jahr, stieß ich auf einen Biohof im Kanton Luzern. Ich nahm Kontakt auf, erzählte von meiner Großmutter. Man versprach gerührt, mir einen Karton zu schicken, sobald die neue Ernte getrocknet sei. Letzte Woche kam er an.

Was ich dafür bezahlte, bleibt mein Geheimnis. Schweiz halt. Und was ich alles erlebte, um das Zeug aus dem Zoll zu kriegen, wollen Sie auch nicht wirklich wissen. Schweiz halt. Jedenfalls wurde mir wieder mal klar, wie wertvoll die Europäische Union ist. Egal. Gestern aß ich die erste Portion. Eine Wonne.

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