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Wenn schon bescheuert, dann richtig. Doch das Gros der Menschen ist vorsichtig, das zeigen immer wieder repräsentative Umfragen.
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Wenn schon bescheuert, dann richtig. Doch das Gros der Menschen ist vorsichtig, das zeigen immer wieder repräsentative Umfragen.

Kolumne

Die Sache mit der Unterhaltung

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Wer die Glotze regelmäßig anschaltet, der fragt sich: Verdummt das Fernsehen die Menschen oder verdummen die Menschen das Fernsehen? Die Kolumne.

Eigentlich ist es ja ein altes Problem. Man kennt das vom Fernsehen. Da ist man ja seit Jahrzehnten der Meinung, das Volk neige in fürchterlichstem Maß zum Tümeln. Bei den dritten Programmen fühlt man sich dieser Ansicht besonders verpflichtet, wähnt man sich doch dicht dran an den Menschen auf dem Land – also dort, wo sie vermeintlich noch Rucola essen, kein Eis mit Salzkristallen kennen und die Lanz-Traktoren schneller sind als das Internet.

In Hessen beispielsweise bediente man diese Klientel lange Zeit allabendlich mit Sendungen über unaufhörlich Schmand essende und um den Maibaum tanzende Landfrauen. Mittlerweile kommen solche Berichte nur noch alle drei Tage, unterbrochen von Beiträgen über Eis mit Salzkristallen und langsames Internet.

„Jetzt mach’s anners!“, würde man in Hessen nun sagen. Problem erkannt, doch wo ist die Lösung? Wie klug ist der Mensch? Oder „anners“ gesagt: Ist das Fernsehen so stupid, weil das Volk so bescheuert ist, oder ist das Volk so doof, weil es das Fernsehen verdämlicht?

Die Rede ist wohlbemerkt nicht von Informationssendungen und Magazinen, sondern von dem, was man unter „Unterhaltung“ versteht und – schlimmer noch – den Mischformen. Wenn sich zum Beispiel ARD-„Morgenmagazin“-Moderator Sven Lorig mit Deutschlandfahnen behängt und dann in derselben Sendung vor der neuen Virusvariante warnt. Da würden doch so manche Kinder lieber Covid-19 nehmen als das, was der Mann da im Fernsehen hat.

Irgendwer erfand vor Jahren für solchen Unsinn das Wort „Infotainment“, ein Begriff für etwas, das schlicht unmöglich ist. Journalistische Darreichungsformen sind seit mehr als einem Jahrhundert klar definiert, daran wird kein Marketinghansel etwas ändern.

Ich lege mich fest: Kein Mensch ist dumm, denn der Mensch denkt. So waren beispielsweise trotz Verdämlichern wie Sven Lorig, der „Bild“-Zeitung und dem Europäischen Fußballverband Uefa die meisten Spiele der Fußball-EM nicht ausverkauft, trotz begrenzter Plätze.

Okay, viele, die trotz großer Infektionsgefahr dennoch hingingen, trugen auch noch keine Maske. Wenn schon bescheuert, dann richtig. Doch das Gros der Menschen ist vorsichtig, das zeigen immer wieder repräsentative Umfragen. Die Impfbereitschaft steigt, die meisten fahren auch nicht nach Mallorca, obwohl „Bild“ feixte, dass nun „die Briten“ auf „uns“ neidisch seien, weil „wir“ als erste unsere Handtücher an den Strand legen könnten und obwohl die Lufthansa sogar Jumbo-Jets dorthin fliegen lässt.

Das machen die aber nicht wegen großer Nachfrage, sondern weil sie dadurch mehr Geld verdienen. Und so schlimm die Lage auch ist: 80 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt wählten nicht die AfD – wenn auch die CDU durch waghalsige Manöver am rechten Rand einen Gutteil dazu beitrug.

Regelrecht beruhigend war die Meldung, dass sich der FC St. Pauli darüber freute, ein Testspiel in Lohne vor 500 Zuschauerinnen und Zuschauern austragen zu dürfen. Beruhigend auch die Überlegung, London könnte kein guter Ort für das EM-Endspiel sein. Beunruhigend hingegen die Befürchtung, das Match würde nach Budapest verlegt werden. Man sollte das Denken vielleicht doch dem Volk überlassen – jedenfalls eher als Machtgeiern wie Viktor Orbán und der Uefa.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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