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Die Sache mit dem Spargel

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Von: Michael Herl

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Spargel  reinigt uns von innen, bringt den Stoffwechsel auf Trab, spült den ganzen Schmodder der Wintermonate aus uns heraus.
Spargel reinigt uns von innen, bringt den Stoffwechsel auf Trab, spült den ganzen Schmodder der Wintermonate aus uns heraus. © Jens Büttner/dpa

Viel zu viel und viel zu billig. Das gilt nicht nur für Asparagus, auch bekannt als weißes Gold. Die Kolumne.

Eigentlich war das ja mal wieder eine pfiffige Idee der Schöpfung. Sie kennen das. Nach einem schönen Schlaf werden Sie wach, wollen hoch, raus in die Welt, etwas erleben, gründen und bewegen – doch kriegen den Arsch nicht hoch. Dümpeln zuerst ewig im Bett herum, schlurfen dann wie in Trance durch die Wohnung und brauchen Stunden, bis Sie sich den Widrigkeiten der Welt gegenüber gewappnet sehen.

Das ist schon schlimm. Doch bedenken Sie mal, wie fürchterlich das früher war. Früher, die Älteren werden sich erinnern, als wir uns in der Neige eines Jahres immer schlapper fühlten. Die Tage wurden kürzer und die Nächte länger, draußen tobten Sturm und Regen.

Also begaben wir uns zu Bette, zogen die dicke Decke über die Ohren und fielen in einen tiefen Schlummer. Der Winterschlaf. Er währte etliche Monate, bis Mitte April des folgenden Jahres. Da wurden wir dann wach, rieben uns die Äugelchen – und standen vor besagtem Problem. Wie nun fit werden? Die Glieder steif, der Geist träge und der ganze Organismus im Ruhemodus. Was tun?

Die Natur wusste Rat und ließ just zu diesem Zeitpunkt Spargel reifen. Er reinigt uns von innen, bringt den Stoffwechsel auf Trab, spült den ganzen Schmodder der Wintermonate aus uns heraus – und schon kann er kommen, der Frühling. Nun halten wir bedauerlicherweise seit längerer Zeit keinen Winterschlaf mehr, den Spargel aber haben wir uns erhalten.

Schon die alten Chinesen schrieben ihm vor bald 3000 Jahren heilende Wirkung zu. Noch heute werden dort fast 90 Prozent der weltweit produzierten jährlich 8,3 Millionen Tonnen angebaut. Der meiste europäische Spargel stammt übrigens aus Deutschland, immerhin knapp 120 000 Tonnen jährlich.

Diese Menge hat sich in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdoppelt; im Jahre 2000 wurden hierzulande nur 50 000 Tonnen geerntet. Dann ging es aufwärts, von Jahr zu Jahr. Gleichzeitig wurde das einst so edle Gemüse immer billiger.

Ermöglicht durch gigantische Plastikplanen auf den Feldern und durch osteuropäische Erntehelfer:innen, die wenig kosteten und viel arbeiteten. Das war praktisch, zumal sie auch sonst nicht weiter zur Last fielen. Man reichte ihnen einfache Kost, die man sie sogar noch von ihrem dürftigen Entgelt bezahlen ließ und stopfte sie während der Saison in karge Container.

Sie schliefen eh nur ein paar Stunden. Die meiste Zeit verbrachten sie dort, wo sie hingehörten, auf dem Feld. Schließlich waren sie zum Arbeiten hier und nicht, um gewerkschaftlich verordnete Pausen in miefigen Pofbuden abzusitzen. Es war also alles gut – obwohl alles von Grund auf kaputt und verwerflich war.

Und nun? Ist nun alles schlecht? Die Leute kaufen weniger Spargel und Erdbeeren, weil sie weniger Geld in der Tasche haben, heißt es. In Wahrheit offenbart sich mal wieder eine maßlose Überproduktion, die über Jahrzehnte immer mehr gesteigert wurde.

Der Markt wuchs mit, doch nur bis zu einem gewissen Punkt. Irgendwann merkten sogar die Tumbsten, dass man nicht von Mitte April bis 24. Juni ständig Spargel in sich hineinstopfen muss – nur weil er an jeder zweiten Ecke in Holzbuden verkloppt wird. Das gilt übrigens nicht nur für Spargel. Er ist nur ein Stellvertreter für so vieles, das viel zu viel ist. Und noch immer viel zu billig.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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