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Die Sache mit dem Essen

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Von: Michael Herl

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Brötchen mit Backfisch.
Und was essen Sie heute? © Christophe Gateau/dpa

Die Preise für Nahrung steigen und verändern nicht nur das Kaufverhalten von Konsumierenden. Auch Läden und Branchen verändern sich. Die Kolumne.

Eigentlich lässt sich über Geschmack ja nicht diskutieren. Was das bedeutet, erfuhr ich unlängst in einem Krankenhaus. Es ist unfassbar, welches Essen manche Menschen als „lecker“ bezeichnen. Und das ist keine Frage des Geschmacks.

Wenn jemand drei vormals tiefgekühlte und dann ins Substanzlose gekochte, mit einer quaddeligen, salz- und gewürzfreien Fabriksoße überschütteten und durch anschließenden, stundenlangen Aufenthalt in Wärmebehältern nahezu mumifizierte Blumenkohlröschen als „lecker“ empfindet, entspringt das eher einer grundsätzlichen Lebenseinstellung.

„Der Mensch ist, was er isst“, befand schon im Jahre 1850 der Philosoph Ludwig Feuerbach. Diese Erkenntnis ist offensichtlich immun gegenüber jeglichen gesellschaftlichen und kulinarischen Entwicklungen.

So wird wohl in Deutschland Nahrung auf alle Zeiten als Betriebskraftstoff gesehen werden und nicht als Objekt der Begierde. Das ist kein rein germanisches Phänomen. Es betrifft alle nordischen Länder (also alle protestantischen, doch das ist ein anderes Thema).

Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, über die Entwicklung der Bio-Branche nachzudenken. Diese darbt zurzeit, da die Menschen sparen und beim Essen damit anfangen. Das ist kein rein deutsches Problem. Der französische Bio-Markt liegt fast komplett darnieder, doch der war nie so relevant wie der deutsche.

Hierzulande war der Bedarf an schmackhaften und vernünftig erzeugten Lebensmitteln viel größer als in Frankreich. Dort spielte das industriell produzierte Einheitsfressen nie so eine große Rolle wie hier. Ähnlich wie in Italien und Spanien schätzt man in unserem Nachbarland schon immer die Ware von regionalen Erzeugern, die frischer, besser und oft auch ohne Bio-Siegel frei von Schadstoffen ist.

Sogar die riesigen Supermärkte werden häufig trotz des in Frankreich extremen Zentralismus’ direkt von Bauern beliefert. Andererseits waren die Franzosen auch schon immer bereit, mehr Geld fürs Essen auszugeben als die Deutschen. Die sind sie nun noch knauseriger – erst recht, wenn es um Bio-Ware geht.

Für die Branche ist das ein Schlag ins Kontor. Viele kleine Öko-Läden sind bereits Geschichte. Selbst Big-Player wie die „Basic“-Kette sind insolvent. Die geringsten Umsatzrückgänge verzeichnen die Discounter mit ihrem mittlerweile vergleichsweise riesigen Bio-Angebot. Und das – es stand zu befürchten – wird auch so bleiben.

Die Öko-Branche generell wird sich wieder erholen. Die Erzeugenden müssen nichts befürchten, sondern nur ein wenig durchhalten. Anders der Handel. Die Kleinen, einst Pioniere der Bewegung, sind kaputt und werden das auch bleiben. Auch die Großen mit reinem Öko-Sortiment werden es schwer haben.

Die Folge: Außer den bäuerlichen Hofläden werden Bio-Produkte nur noch die verkaufen, die schon immer alles verkaufen. Ist das schlecht? Es ist Fluch und Segen. Einerseits war schon immer das Ziel, ökologisch Erzeugtes nicht nur einer intellektuellen Elite zugänglich zu machen.

Andererseits geht das nun mal nicht ausschließlich in süßen, kleinen Lädchen, in denen alle furchtbar nett sind und sich duzen. Doch Groß und Klein nebeneinander funktioniert nicht, das verhindern die Gesetzmäßigkeiten des kapitalistischen Systems. Leider.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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