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Krieg in Europa und das Fachsimpeln über das Töten

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Von: Michael Herl

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Panzer im ukrainischen Borodjanka. Schon lange fällt uns gar nicht mehr auf, mit welcher Selbstverständlichkeit Generäle in Talkshows sitzen und über Tötungstaktiken fachsimpeln.
Panzer im ukrainischen Borodjanka. Schon lange fällt uns gar nicht mehr auf, mit welcher Selbstverständlichkeit Generäle in Talkshows sitzen und über Tötungstaktiken fachsimpeln. © dpa

Schon lange fällt uns gar nicht mehr auf, mit welcher Selbstverständlichkeit Generäle in Talkshows sitzen und über Tötungstaktiken sprechen. Die Kolumne.

Frankfurt – Eigentlich kann man das nicht schreiben. Oder doch? Aber ist es nicht eine Verhöhnung der Opfer? Oder gerade nicht, weil es im Kleinen das Große verdeutlicht? Aber es ist doch mindestens unbedeutend, wenn nicht überflüssig. Doch wer vermag das zu beurteilen? Schließlich sagt wenig manchmal viel. Gerade in Zeiten wie diesen. Käme es also auf einen Versuch an? Womöglich. Gut. Legen wir es darauf an.

Es geht um Steckrüben. Vor einigen Tagen versuchte ich, einem jungen Menschen zu erklären, was Steckrüben sind und welch Köstliches man mit ihnen zubereiten kann.

Die Rückkehr der Steckrübe – wir haben ja auch wieder Krieg

Ich setzte gerade an, von einer Quiche mit Steckrüben und Blauschimmelkäse zu schwärmen, da nahm der junge Mensch sein Smartphone zur Hand, streichelte das Foto einer Steckrübe aus ihm heraus, betrachtete es und sagte: „Nie gesehen. Und die soll es bei uns geben?“ – „Schon“, entgegnete ich, „sie hatte nur lange einen schlechten Ruf. Das liegt am Steckrübenwinter.“

Ich erzählte vom Winter 1916/17, als die Leute wegen des Ersten Weltkriegs nur wenig zu essen hatten und sich fast ausschließlich von Steckrüben ernähren mussten. „Ah so“, meinte der junge Mensch, „und deswegen gibt es sie jetzt wieder. Verstehe. Wir haben ja auch wieder Krieg.“

Zuerst dachte ich, der junge Mensch wolle einen Witz machen (der auch gar nicht mal so schlecht gewesen wäre). Doch er meinte es ernst. Das gab mir zu denken. Zuerst war mir die Idee sympathisch, aus ökologischen Gründen wieder mehr hiesige Produkte zu verzehren.

Krieg in Europa: Zwischen Abgeklärtheit und Teilnahmslosigkeit

Dann erst fiel mir auf, bei der Aussage des jungen Menschen über etwas gestolpert zu sein. Ich hatte es nicht sofort bemerkt, doch es war die Selbstverständlichkeit, mit der er davon ausging, dass wir uns wieder in einem Krieg befinden. Und die Abgeklärtheit, mit der er dies aussprach. Fast so, als hätte er nichts damit zu tun.

Sollte es ihm womöglich nicht bewusst sein, was es heißt, im Krieg zu sein? Sollten alle Kriege entweder zu lange her oder zu weit weg sein, als dass sie ihn emotional berühren könnten? Oder kennt sein Unterbewusstsein Kriege nur aus Computerspielen und stuft sie als nicht real, also als nicht bedrohlich ein? Um es klarzumachen: Der junge Mensch ist kein Depp, sondern hochintellektuell, gebildet und politisch denkend, zudem ein interessanter, bisweilen sogar lehrreicher Diskussionspartner. So auch jetzt.

Wie uns die innere Mobilmachung unbemerkt erwischt hat

Er verdeutlichte mir mit seiner vermeintlich lapidaren Bemerkung über die Steckrübe, wie tief wir in der Scheiße stecken. Und wie wenig wir Älteren dies an uns heranlassen, weil wir es nicht wahrhaben wollen.

Es ist Krieg. Schon lange sucht uns eine innere Mobilmachung heim, die wir gar nicht bemerkt haben. Schon lange fällt uns gar nicht mehr auf, mit welcher Selbstverständlichkeit Generäle in Talkshows sitzen und über Tötungstaktiken fachsimpeln. Und schon lange benutzen wir Begriffe wie „Ostflanke“, wenn wir Polen meinen, und „Kriegsverbrechen“, wenn wir von Massenmord reden. Und wir zitieren aus den Genfer Konventionen, als handele es sich bei ihnen um ein Traktat Mahatma Gandhis – dabei sollen sie lediglich Entsetzlichkeiten in von ihnen definierte Bahnen lenken.

All dies schlich sich über uns, und es schleicht noch weiter. Wir sollten uns wenigstens dessen bewusst sein. (Michael Herl)

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