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Fachwerkidylle. Doch wie ist die Lage tatsächlich?
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Fachwerkidylle. Doch wie ist die Lage tatsächlich?

Kolumne

Die Provinz als Exempel

  • Richard Meng
    VonRichard Meng
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Was Fortschritt ist, was eher Belastung – darüber lässt sich überall gut streiten. Die Kolumne.

Die beiden sagen, sie seien ziemlich erschüttert. So eine schöne Fachwerkstadt, aber dann stehen so viele Läden leer, Häuser wirken unbewohnt. Im Internet preist sich das Städtchen überzeugend an, also sind die beiden rübergefahren.

Er, ehemaliger Bürgermeister in der properen bayerischen Rhön. Sie, typische Bürgermeisterfrau: informiert, mitdenkend, wenn auch jahrzehntelang eher auf die Zeitung angewiesen, wenn sie ihn tagsüber sehen wollte.

Die Republik ist anhaltend hochwassergeschockt. Hier, im Hessischen, wissen die Leute schon länger, wie das ist. Ende Januar erst war das Städtchen selbst überflutet. Wer keine Elementarversicherung hatte (das sind viele), war ruiniert. Die beträchtlichen Spendengelder lange nicht ausgezahlt, in der Ortspolitik von jeher viel Durcheinander und Missgunst. Ein Exempel geradezu, ein Beispiel für die Mühen im Kleinen, fern der großen Städte.

Der Ort ist aus dem Lot gekommen

Der Gast aus Bayern, Typ Zupacker, besteht darauf: Alleine am Hochwasser kann so ein lokales Siechtum nicht liegen. Nur weil eine Jahrhunderte alte Schutzmauer immer noch nicht erhöht und ein Rückhaltebecken nicht mal konkret geplant ist, kann eine Altstadt wirtschaftlich nicht derart darniederliegen.

Und es stimmt, der Ort ist aus dem Lot gekommen. Die alten Agrarbürger- und Handwerkerfamilien haben ihre tragenden Rollen verloren. Wer Abitur machte, ist abgewandert. Die alten Häuser wurden auf Verschleiß bewohnt, Geld zur Sanierung war selten da, auch staatliche Zuschüsse erfordern Eigenkapital. Dann sind die Altbewohner nach und nach weggestorben. Wer Job und Einkommen hat, zieht ins Neubaueigentum mit Grundstück drumrum und Stellplatz vor dem Gartenzaun. Manches ist verschönert worden, aber da ist vieles Fassade. Es gibt Engagierte, der große Schub fehlt.

Der Ex-Bürgermeister fängt an zu rechnen. Kaufpreis X plus Sanierungskosten Y minus Steuererleichterungen minus (in Bayern) kommunale Direktzuschüsse: Das müsste für junge Familien doch attraktiv sein. Das müsse jemand engagiert in die Hand nehmen.

Wieso passiert hier nicht mehr?

Da kommt ein Ortsoberer des Wegs. Frage aus Bayern: Wieso passiert hier nicht mehr? Antwort aus Hessen: Es passiert mehr als man sieht, aber für kommunale Zuschüsse fehlt das Geld. Und es gibt noch ein anderes Problem: Herz des Ortes war immer das Schloss, auch dieses Herz siecht vor sich hin. Die Besitzer, immer noch Fürsten genannt: abweisend, unkooperativ, reich auch nicht mehr.

Ein Konzept fürs Ganze, eigentlich nötig, passt nicht zu Ortsquerelen und Sprachlosigkeit. Aha, sagt da der Gast aus Bayern, das kennt er bestens.

Wenn viele sich gegenseitig blockieren, hilft die beste Idee nicht mehr. So langsam kommt er an in der hessischen Kleinstadt. Die Frau fragt ihn ironisch: Wäre das nicht noch mal ’ne Aufgabe? Die Reaktion: bloß nicht, schon gar nicht in Hessen mit seiner komplizierten Kommunalverfassung, die den Stadtchefs so viel an Diplomatie abfordert.

Ein Caravanplatz - nach 15 Jahren Diskussion

Das Paar bleibt zwei Nächte auf dem Caravanplatz, nach 15-jähriger Diskussions- und Planungszeit ist der nun ja fertig. Ende September wird ein neuer Bürgermeister gewählt, die Durchsetzungskraft der Kandidaten gilt als überschaubar. Wenn bald die Hochwasserschäden überwunden sind, ist das schon viel. Vorankommen? Gemach. Verträumtheit hat auch betulich-schöne Seiten.

Wunderschön bleibt das Städtchen trotz allem.

Das Exempel lehrt: Was Fortschritt ist, was eher Belastung – bis in die Provinz hinein gehen dazu die Gefühle auseinander. Vielleicht kommt ja irgendwann wieder ein Aufschwung, werden Altstadt und Schloss nochmal wachgeküsst. Woher und wohin, von wem und ob überhaupt? Heute offen. Der Bayer mit Bürgermeistererfahrung will wiederkommen, aber nicht als Prinz.

Richard Meng ist Autor.

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