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Die Pegasus-Affäre - neu aufgelegt

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Von: Inge Günther

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Der Dortmunder „Tatort“-Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann, links). Er dringt öfter in die Privatsphäre anderer Menschen ein. Im echten Leben geht das aber nicht.
Der Dortmunder „Tatort“-Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann, links). Er dringt öfter in die Privatsphäre anderer Menschen ein. Im echten Leben geht das aber nicht. © WDR/Zeitsprung pictures/Thomas Kost

Die Spitzel-Software ist nicht unbesiegbar. Sie regt dennoch Menschen in Israel auf. Die Kolumne.

Beim sonntäglichen „Tatort“ sind mir Folgen mit dem Dortmunder Kommissar Peter Faber am liebsten. Ein durchgeknallter Typ, der notorisch Regeln missachtet und auch schon mal widerrechtlich in Privatsphären eindringt. In „Cop and Crime“-Filmen lassen wir den „Guten“ bei ihrer Verbrecherjagd so was durchgehen. Im echten Leben natürlich nicht.

Schon gar nicht, wenn die Polizei Lauschangriffe auf unbescholtene Bürgerinnen und Bürger unternimmt. In Israel sei das tatsächlich im großen Stil passiert, behauptet das Finanzblatt „Calcalist“. Mit der Enthüllungsstory, wonach eine polizeiliche Cyber-Einheit die international in Verruf geratene Software Pegasus in die Smartphones von 26 namentlich genannten Israelis – zumeist Personen des öffentlichen Lebens – einpflanzte, landete die Zeitung jüngst einen Riesenscoop.

Womöglich selbst betroffen zu sein, brachte die Gemüter in Wallung – weit mehr noch, als es die letzten Sommer aufgeflogene Affäre um die israelische NSO-Group vermochte, die unbekümmert ihr Spitzenprodukt Pegasus an alle Welt, inklusive Diktaturen, verkauft hatte.

Inzwischen ist die Empörung abgeflaut. Laut polizeiinterner Untersuchung soll an den „Calcalist“-Vorwürfen nichts dran sein. Lediglich in drei Fällen habe man Spyware eingesetzt, wie es sich gehöre mit richterlichem Segen. Und nur in einem Fall sei dies gelungen. Pikanterweise handelt es sich dabei um einen Belastungszeugen im Korruptionsprozess gegen Benjamin („Bibi“) Netanjahu, was aber keine Rolle gespielt habe, als das Handy des früheren Premierberaters Schlomo Filber gehackt worden sei.

Doch wie in verzwickten Krimis bleiben Fragen. Woher bezog der „Calcalist“-Reporter Tomer Ganon seine brisanten Infos? Der schweigt sich dazu mit Verweis auf Quellenschutz aus. Saß er einer gezielten Desinformation auf? Unter den Israelis kursieren Spekulationen, die Sache sei dem Reporter aus Netanjahus Umfeld zugespielt worden. Klingt zwar nach Konspirationstheorie, aber nicht weit hergeholt, da „Bibis“ Verteidiger den Abhörskandal vor Gericht wohl genüsslich ausschlachten werden.

Dass ausgerechnet Netanjahu sich nun als Verfechter individueller Freiheitsrechte gebärdet, wirkt dennoch wie eine Farce. Schließlich war er es, der als Regierungschef den NSO-Exportschlager für diplomatische Vorteile nutzte.

Pegasus – in der griechischen Mythologie das geflügelte Pferd, real eine Hightech-Wanze, die nahezu spurenlos sämtliche Handy-Daten abgreift – weckte allenthalben Begehrlichkeiten. Wirklich ausgeräumt ist der Verdacht nicht, dass Israels Polizei das Wunderding, das die Geheimdienstler in Armee und Schin Beth so erfolgreich anwendeten, eben auch haben wollte und bekam. Eine Versuchung, gegen die Demokratien nicht per se gefeit sind. Es sei denn durch strikte Kontrolle der Exekutive.

Ziemlich naiv jedenfalls ist die Annahme, man habe ja nichts zu verbergen, Big Brother könne einem egal sein. Seit Stasi-Zeiten sollte uns bewusst sein, dass noch so harmlos anmutende Informationen von Überwachungsapparaten missbraucht werden können.

Leider gibt es keinen Schnelltest, ob das eigene Smartphone mit Pegasus oder Varianten infiziert ist. Und das Scannen mit dem von Amnesty International entwickelten Mobile Verification Toolkit, kurz MVT, überfordert Technikbanausen wie mich. Trotzdem ist gut zu wissen, dass die Spitzel-Software Pegasus nicht unbesiegbar ist.

Inge Günther ist Autorin.

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