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Die Moschee im Dorf lassen

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Von: Michael Herl

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Die WM-Mannschaft am Frankfurter Flughafen.
Die WM-Mannschaft am Frankfurter Flughafen. © Boris Roessler/dpa

Wir haben die Moral im Fußball längst verscherbelt. Also was regen wir uns nun auf über die gekaufte Weltmeisterschaft in Katar? Die Kolumne.

Eigentlich müssten wir jetzt mal ein Bier trinken gehen. Mit „wir“ sind nicht Sie und ich gemeint, sondern wir alle. Und mit „ein Bier trinken“ nicht die orale Aufnahme einer durch Gärung stärkehaltiger Stoffe gewonnenen Flüssigkeit, sondern sich zusammensetzen und miteinander reden. Und zwar kein dummes Zeug, sondern so ehrlich wie möglich. Am besten Tacheles.

Und worüber? Über das, worüber so viele reden, die bei einem Bier zusammensitzen – über Fußball. So, so, werden Sie nun denken. Da tut er erst so geheimnisvoll und kommt dann mit so einer ollen Kamelle um die Ecke. Richtig. Und die Kamelle wird noch oller.

Wir sollten nämlich nicht nur über Fußball reden, sondern über das, worüber gerade tatsächlich alle reden, und zwar nicht nur jene, die immer über Fußball reden, sondern alle anderen auch – über die Weltmeisterschaft in Katar. Hui, werden Sie nun denken, abgedroschener geht’s ja kaum. Abermals richtig.

So langsam nervt’s nämlich tatsächlich. Wo man hinhört, wird geschimpft, gezetert und verdammt. Scheiß Funktionäre, scheiß Bonzen, scheiß Scheichs. Im Prinzip ist das nicht verkehrt. Die Frage stellt sich jedoch: Warum regen wir uns erst jetzt auf? Jetzt, wenige Tage vor Beginn dieses Wüstenturniers? Was haben wir denn plötzlich?

Im Grunde nämlich hat sich nichts geändert. Es geschieht nichts, was wir nicht schon lange wissen. Spätestens seit wir „Doitschland, Doitschland“ brüllend und schwarz-rot-goldene Fähnchen schwenkend durch die Lande torkelten und ein durch schiere Korruption entstandenes Spektakel als „Sommermärchen“ feierten, sollte uns bekannt sein, dass im Fußball nur Geld gilt. Wir kaufen teure Tickets und Shirts zu Mondpreisen und latzen heftig, nur um ein Spiel im Fernsehen anzuschauen.

Der Pubertät gerade entschlüpfte Kicker fahren Luxuskarossen und fliegen in einer Trainingspause im Privatjet auf die Yacht vor Ibiza. Und viele Klubs sind längst keine Vereine mehr, sondern im Besitz einiger Superreicher. Alles nicht neu.

Aber dann wundern wir uns, dass die unheimlichste aller Geldmächte, jenes Emirat am Persischen Golf, sich der Sache annimmt? Dass ein Haufen schwerreicher Männer in weißen Gewändern beschloss, sich nach der Falknerei und der Reiterei nun mit Fußball die Langeweile zu vertreiben und – da man es gewohnt ist, alles Begehrenswerte auch kaufen zu können – gleich das weltweit bedeutendste Turnier zu erwerben?

Leute, das war ein logischer Schritt! Wir haben doch die Moral im Fußball längst verscherbelt. Also was regen wir uns nun auf? Aha, weil sie dort Frauen unterdrücken und keine Schwulen mögen. Potzblitz! Aber wie viele Homosexuelle spielen denn in der Bundesliga? Offiziell so gut wie keine. Und verdienen nicht auch bei uns Frauen für die gleiche Arbeit viel weniger als Männer?

Ach ja, da war noch die Ausbeutung von Arbeitern beim Bau der Stadien. Aber um das zu kritisieren, brauchen wir nicht nach Katar zu blicken. Wir müssen uns nur fragen, wer all die schönen Sachen herstellt, die wir in Indien, Pakistan oder Bangladesch billig produzieren lassen und welchen Gefahren diese Menschen dort ausgesetzt sind.

Kurzum: Lassen wir mal die Moschee im Dorf, machen uns ein Bier auf und gucken WM. Olé, olé olé olé ...

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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