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Ob eine Respektkampagne auch politisch funktionieren kann?
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Ob eine Respektkampagne auch politisch funktionieren kann?

Kolumne

Die Marke Respekt

  • Richard Meng
    VonRichard Meng
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Ein Fußballtrikot mit dem Schriftzug „Respekt“ ist schnell angezogen. Bleibt die Aufgabe, die Haltung zu leben. Die Kolumne.

Manchmal haben Werbeagenturen ja nicht nur geschäftsfördernde Ideen, sondern sogar richtig gute. Bei der Kampagne der Fußballverbände, die seit Jahren ins Bild gerückt wird, ist es ersichtlich so. Junge Gesichter, alles Stars, aber verschieden in jeder Hinsicht – und Frauen dabei, was im Fußball immer noch Lernprogramm ist. Jetzt, bei der Europameisterschaft, steht der zentrale Begriff auf jedem Trikotärmel: Respekt. Es gibt nicht viele kurze Worte, die weltoffene Gemeinsamkeit so gut ausdrücken.

Wir verstehen es heute als Respekt auf Augenhöhe. Als Akzeptanz von Anderssein, was mehr ist als nur Toleranz. Als Freude an der Vielfalt – auch unabhängig von Einkommens- und Leistungskriterien, was nicht nur im Fußball besonders schwer fällt. Respekt vor Arbeit, Leben und Kultur anderer. Als Klammer einer auseinanderfallenden Gesellschaft, in der die Milieus einander selten noch direkt begegnen. Schon gar nicht auf Augenhöhe.

Respekt baut Brücken, zumal nach Corona

Ob eine Respektkampagne auch politisch funktionieren kann, wie es die SPD gerade im Rahmen ihres Wahlkampfes versucht? Letztlich bleiben Kompassworte immer abstrakt, es sind Signale eher ans Gefühl. Wie schon beim Begriff der Solidarität, der das unbedingte gegenseitige Helfen und Teilen meint. Der inzwischen schnell mit langweiliger Organisiertheit verbunden oder darauf verkürzt wird, dass sich Starke um Schwache kümmern. Individualität und persönliche Freiheit andererseits, auch dies Leitbegriffe, lassen gerne soziale Verantwortung außer Acht.

Respekt baut Brücken, zumal nach Corona. Respekt zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen, Stadtmenschen und Landleuten, Studierten und denen aus sogenannten einfacheren Berufen, zwischen den Generationen und unabhängig von Äußerlichkeiten. So gesehen ist Respekt ein breit akzeptierbares, zugleich aber wenig dynamisches Prinzip. Die alten Ungleichheiten sind dadurch nicht weg. Respekt drückt Chance und Willen aus, sich zu kümmern. Er schafft eine Basis – aber dann erst beginnt das Politische, die Frage nach Richtung und Veränderung.

Reale Treffen mit realen Menschen

Der Begriff selbst musste erst mal befreit werden. Weg vom obrigkeitshörigen Verständnis von Achtung, weg von der herrischen Respekterwartung der Oberen gegenüber den Unteren. In der autoritären Gesellschaft ist Respekt ein Unterdrückungswort. Selbst Respekt im Umgang mit kleinen Kindern war noch vor Jahrzehnten etwas sehr Neues, für Ältere geradezu Irritierendes. Das zeigt, wie viel sich schon geändert hat.

Heute steht der Begriff für Gemeinsames in einer Gesellschaft, die Uniformität nicht mehr kennt und nicht mehr will. Die sich vielleicht gerade deshalb oft so schwer tut mit dem, was klassische Großorganisationen ihr guten Willens anbieten. In respektvoll behandelten Fremden etwas Spannendes sehen, das interessiert und weiterbringt: Im Alltag nach Corona ist auch das eine Chance zum Neuanfang. Reale Treffen mit realen Menschen wieder.

Glücksmomente und kleine Buchstaben

Das eine Gefühl dabei: Eigentlich ist es wie früher, das Corona-Jahr scheint wie wegretuschiert. Im großen Kreis den Fußballern mit ihren Respekt-Trikots zusehen, so wie es immer war. Das andere Gefühl, zumindest beim ersten Mal: Es fühlt sich doch noch unwirklich an. Vielleicht hat der antrainierte Abstand doch die Gesellschaft verändert.

Nähe wieder zu praktizieren und zu zeigen: Es können Glücksmomente sein in diesen Tagen des sozialen Neustarts. Momente, die an sich noch nicht viel bewegen. In denen aber erstmals wieder direkt spürbar wird, wie wertvoll Gemeinschaft ist. Schwer zu sagen, wie viele das so empfinden und was sie draus machen. Ein Trikot mit allerlei Markenwerbung ist schnell angezogen. Linker Ärmel, Außenseite, ziemlich kleine Buchstaben: Respekt.

Richard Meng ist Autor.

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