Donald Trumps Lügen
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Donald Trumps Lügen.

Kolumne

Die Macht des Rituals

  • Anetta Kahane
    vonAnetta Kahane
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Aufrichtigkeit und Konsistenz sind wichtig für die Demokratie. Sie sind weder altmodisch noch konservativ. Die Kolumne.

Noch einen kleinen Nachschlag zur Wahl in den USA kann ich mich nicht verkneifen. Unsere Welt rückt näher zusammen, Ereignisse dort entfalten schneller als je zuvor ihre Wirkung auch hier. In der globalen Pandemie merken wir in der Isolation, wie klein die Welt doch gleichzeitig ist und wie sie in unser Leben eindringt. Auch deshalb bedeutet die Wahl in den USA weit mehr als lediglich einen Amtswechsel zweier Kontrahenten.

Ich war erleichtert über Joe Bidens Sieg. Vor allem weil wir es in den letzten Jahren mit einem massiven Anstieg von Hass im Netz zu tun hatten. Das Muster Trump, der sich in seiner Amtszeit andauernd auf dreiste, gemeine, gehässige Lügen gestützt hat, trug zur Entfesselung von Hass und rechtsextremer Gewaltfantasie bei.

Mich macht es immer fassungslos, wenn meine Wahrnehmungen geleugnet, wenn Fakten zu Lügen umgedeutet werden. Fassungslos bin ich dann, und es stellt sich ein Gefühl von Ohnmacht ein, wenn jemand bei glänzendem Sonnenschein behauptet, dass es in Strömen regne. Wenn ein US-Präsident selbst über vier Jahre so vorgeht, entsteht eine Normalität aus Lug und Spuk.

Selbstverständlich führt so etwas zu einer Spaltung in der Gesellschaft. Viel schlimmer wäre es, wenn es nicht geschehen wäre, wenn alle den Pfad des Lügens mitgelatscht wären. Gewiss, es sind viele mitgegangen in den USA, das stimmt. Aber es gibt keinen Anlass, dass sich ausgerechnet die Deutschen deswegen als Lehrmeister aufspielen, wie ich es hier immer wieder in den Medien lese. Im Deutschland des Nationalsozialismus mit seinem Vernichtungswahn und seiner Tötungsmaschinerie waren es sehr, sehr viel mehr.

Doch nun hat Joe Biden gewonnen. Es ist der Wunsch der Mehrheit der US-Amerikanerinnen und -Amerikaner, zu dem zurückzukehren, was viele bisher nur gelangweilt hingenommen haben: die Tradition, sich an Regeln zu halten, respektvoll und würdig zu handeln. Allein das hat einen Wert. Wie sehr, merkt man, wenn er fehlt.

Gute, wichtige und bitter nötige Rituale zu zerstören, zerstört auch die Erinnerung daran, was der Unterschied ist zwischen unzivil und zivil. Ob eine unzivile, ignorante Kultur gefeiert wird oder ob Eigenschaften wie Würde, Aufrichtigkeit und Konsistenz wieder ihren Platz finden, entscheidet auch über das Anwachsen von Gewalt.

Diese Dinge werden, wie ich finde, fahrlässigerweise zu oft als bloße Show, als altmodisch oder konservativ abgestempelt. Dass in den Vereinigten Staaten von Amerika jetzt mit Joe Biden die stabile Lebenserfahrung die Regierung stellt, bildet außerdem auch einen wohltuenden Kontrast. Nicht nur zu Donald Trumps Lügen, sondern auch zu der eskalierenden Eile vieler, besonders junger Leute in den sozialen Netzwerken, in denen jeder alles weiß, alles kann, alles will – und zwar sofort und absolut.

Rituale, Konsistenz und Erinnerungskultur prägen die Demokratie. Besonders in Deutschland. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie es ist, wenn sie fehlen. Und es wäre ein Alptraum, wenn ein Trump hier in Deutschland regiert hätte.

Umgangskultur, demokratische Kultur zu bewahren und vor Hass, Lügen und Aggression zu schützen, ist auch jetzt schon weder leicht noch egal. Ich bin auf die Wirkung gespannt, die Bidens Wahl hier haben wird. Und auf die Bundestagswahl im nächsten Jahr.

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