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„Die letzte Generation“: Der ganz normale Wahnsinn

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Von: Michael Herl

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Christian Lindner, der „Porsche-Streichler“, wie unser Kolumnist ihn nennt, würde sich natürlich niemals auf die Straße setzen. Schon gar nicht im guten Anzug.
Christian Lindner, der „Porsche-Streichler“, wie unser Kolumnist ihn nennt, würde sich natürlich niemals auf die Straße setzen. Schon gar nicht im guten Anzug. © Paul Zinken/dpa

Gelegentlich sitzen ein paar junge Leute auf einer Straße und lassen sich von dort entfernen. Die Reaktionen darauf sind aberwitzig. Die Kolumne.

Eigentlich ist es nicht schön, einen Mitmenschen daran zu hindern, mit einem Kraftfahrzeug von A nach B zu fahren. Der Mensch ist ein freies Wesen.

Doch die Frage drängt sich auf: Was will dieser Mensch in B? Führt er womöglich Arges im Schilde? Will er zu McDonald’s? Oder sich eine Jogginghose aus grellbunter Ballonseide kaufen und die dann auch noch anziehen? Ist er Immobilienmakler und hat deswegen von Haus aus Ungutes im Sinn? Oder handelt er mit Zucker und will dicke Kinder dicker machen? Allesamt gute Gründe, ihn zu behindern.

Doch allesamt sind sie egal. Denn selbst wenn der Mitmensch aus redlicher Motivation nach B möchte, etwa im Taumel eines Verliebtseins, getrieben vom Durst auf ein kühles Bier oder weil er am Bahndamm Brombeeren pflücken möchte, auch egal. Denn einige junge Leute haben erkannt, dass es in Deutschland offenbar nur eine verlässliche Möglichkeit gibt, das Volk wachzurütteln – es an einer Fahrt mit dem Auto zu hindern.

„Die letzte Generation“: Selbst Nouripour tut es Porsche-Streichler Lindner gleich

Denn ist es nicht phänomenal, wie viel Aufruhr ein paar Jungs und Mädels erzielen, nur weil sie sich gelegentlich auf eine Fahrbahn kleben? CSU-Mann Alexander Dobrindt spricht von einer „Klima-RAF“, „Bild“ tobt und wünscht sich alle in den Kerker, und die bayerische Regierung kommt diesem Begehr unverzüglich nach und setzt prompt ein Anti-Terrorismus-Gesetz um und potenzielle Straßenblockierer für 30 Tage in „Präventivhaft“. Ohne Anwälte und ohne Prozess, denn wo es um freie Fahrt für freie Bürger geht, haben Grundrechte nichts verloren.

Statistisch gesehen ist es wahrscheinlicher, mit einer Antilope zu kollidieren, als von einer „Last Generation“-Gruppe an der Weiterfahrt gehindert zu werden. Dennoch wird unsere Demokratie als gefährdet ausgerufen. Bei Porsche-Streichler Christian Lindner ist das kein Wunder, die Zerstörung der Umwelt gehört zu seinem Aufgabenportfolio. Doch selbst Grünen-Vorsitzender Omid Nouripour bescheinigte den Aktivistinnen und Aktivisten, „mit Demokratie nicht viel zu tun“ zu haben.

„Die letzte Generation“: Ein paar Leute sitzen halt auf der Straße

Aber Leute, jetzt mal im Ernst, was ist denn passiert? Gelegentlich sitzen ein paar junge Leute auf einer Straße und lassen sich von dort entfernen. Das ist alles. Und deswegen gehen alle steil? Warum? Weil eventuell auch Rettungswagen blockiert werden? Hat mal jemand errechnet, wie viele Leben hätten gerettet werden können, wenn Hilfsfahrzeuge sich nicht durch den ganz normalen Wahnsinn auf deutschen Straßen quälen müssten? Von den Opfern, die der Klimawandel schon jetzt weltweit kostet, mal ganz abgesehen.

Der Autor

Michael Herl ist Autor und Theatermacher

Es sind dann wohl doch die getroffenen Hunde, die da bellen. Autofahrende, die genau wissen, wie schwachsinnig es ist, immer eine Tonne Metall mit sich zu führen. Politisch Entscheidende, die genau wissen, wie armselig es ist, nicht mal Tempo 130 auf Autobahnen durchsetzen zu können, und dass sie damit jegliches Recht auf die ernsthafte Absicht verwirken, der Klimakatastrophe entgegenzuwirken. Und schließlich die Verantwortlichen der Autoindustrie, die genau wissen, dass der einzige Grund für ihr jahrzehntelanges Festhalten am Verbrennungsmotor die schiere Raffgier war. Es sind also nur Versager und Verlierer im Spiel – außer den jungen Leuten, die sich auf Straßen kleben oder von Brücken abseilen. (Michael Herl)

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