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Die kleinen Dinge

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Von: Petra Kohse

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Das Extreme und das Unerwartete sind gekommen, um zu bleiben, und wir haben nur die Chance, uns mit ihnen zu arrangieren.
Das Extreme und das Unerwartete sind gekommen, um zu bleiben, und wir haben nur die Chance, uns mit ihnen zu arrangieren. © Tamas Vasvari/dpa

Im Angesicht von immer mehr Krisen kann und muss man das Leben weiter positiv gestalten. Das unterscheidet uns von Zombies. Die Kolumne.

Ein junger Nachbar kommt aus Schwedt an der Oder. Letzte Woche hatte er Urlaub und besuchte seine Mutter. Die Wohnung geht zum Fluss raus, sie saßen auf dem Balkon und in ihm keimte schon der Verdacht, dass seine Mutter ihr Abflussrohr nicht unter Kontrolle hätte.

Es waren natürlich die Fische. Er schwieg eine Weile, als er das erzählt hatte, und fügte dann hinzu: „Naja, was soll man sagen, es ist jetzt eben so weit: Erst verbrennt die Erde, dann sterben die Fische und dann … Wir sind schon mittendrin in der Apokalypse. Aber ich bin ja vorbereitet. Ich habe alle Staffeln von ,The Walking Dead‘ gesehen.“

Ich mochte das. In der lakonischen Gelassenheit, mit der er die Offenbarung des Johannes für gegeben nahm („Und der dritte Teil der Wasser wurde zu Wermut, und viele Menschen starben von den Wassern, weil sie bitter geworden waren …“) lag die Bereitschaft zum Weitermachen, die im Moment eines Untergangs vielleicht das Einzige ist, was hilft.

Mir gefiel auch der Verweis auf „The Walking Dead“. Ich habe aus Serien ebenfalls schon viel gelernt, und dass der Kern jeder Not die Frage ist, was das Menschsein am Ende ausmacht und einen etwa von einem Zombie unterscheiden würde, ist nicht das schlechteste Rüstzeug für das, was auf uns zukommen mag. Auf einer Fridays-for-Future-Demonstration war der Nachbar mit Sicherheit noch nie, er liest auch keine Zeitung. Aber er hat Augen im Kopf und kein Auto – wozu auch, wenn es Züge gibt.

75 Prozent der Deutschen haben, sagt eine aktuelle Statistik, Angst vor einem Cyberkrieg. Gleichzeitig blickt jeder Dritte (33 Prozent) „ziemlich optimistisch“ in seine persönliche Zukunft, zusätzliche zehn Prozent tun das sogar „sehr optimistisch“. Will sagen: Die Angst vor etwas Zerstörerischem ist in unserer Gesellschaft stark, aber offenbar abstrakt.

Man glaubt nicht, dass das persönliche Leben davon beeinflusst werden könnte. Man hört von toten Fischen und regt sich mächtig auf. Andere riechen sie schon und denken darüber nach, wie sie den Gestank wieder aus der Wohnung kriegen können.

Apropos Gestank. Nicht nur die Oder mit den toten Fischen, auch die Stadt Berlin stinkt in der Hitze. Seltsam, dass das 9-Euro-Ticket nicht mit einem Fahrverbot privater Autos im Stadtbereich einhergegangen ist.

Oder der Anstieg des Thermometers über 35 Grad mit Sondereinsätzen der Müllabfuhr. Als ob die Temperaturen der letzten sechs Wochen ein Ausnahmezustand wären, dem man sich kurz mal ergeben müsste. Stattdessen sind sie das neue Normal.

Das Extreme und das Unerwartete sind gekommen, um zu bleiben, und wir haben nur die Chance, uns mit ihnen zu arrangieren. Nachmittags joggen zu gehen, ist jetzt keine Option mehr, auch wenn man das bisher immer so gemacht hat. Eine Flugreise zu buchen, eigentlich auch nicht.

Es sind die kleinen und konkreten Dinge, mit denen sich das Leben weiterhin gestalten lässt. Morgens im Büro freundlich grüßen, statt unförmig über die Hitze zu stöhnen.

Obdachlosen aus dem Supermarkt ungefragt Wasser und Obst mitbringen.

Über Lösungen prinzipiell länger nachdenken als über Probleme. Nur kaufen, was man reparieren kann. Essen, was einem schmeckt. Teilen, was man hat. Nichts tun, was anderen schadet. All das eben, woran man merkt, dass man noch zu jenen gehört, die herumlaufen – und trotzdem keine Zombies sind.

Petra Kohse ist Theaterwissenschaftlerin, Kulturredakteurin, Buchautorin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

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