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Das Kneipen urplötzlich in gewissen Kreisen „cool“ galten überforderte nicht nur so manchen Wirt.
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Dass Kneipen urplötzlich in gewissen Kreisen „cool“ galten, überforderte nicht nur so manchen Wirt.

Kolumne

Karawane der Coolen: Das Kneipensterben ist kein neues Phänomen

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Corona hat den Niedergang der Kneipenkultur beschleunigt. Die Gentrifizierung der Kaschemmen gab es schon vor der Pandemie. Die Kolumne.

Eigentlich weiß man ja heutzutage von vielem, das einmal war, nicht so recht, ob es je wieder sein wird. Dazu gehört zum Beispiel, dicht an dicht mit einer Horde mehr oder weniger Bekannter in einem winzigen, vollgequalmten Raum an einer langen Theke zu sitzen, stehen, hängen oder liegen, dabei unaufhörlich Bier zu trinken und unentwegt dummes Zeug zu reden.

Denn viele Versammlungsstätten dieser Art, im Volksmund „Kneipen“, „Pinten“ oder „Kaschemmen“ genannt (in Ostwestfalen auch „Glasbiergeschäfte“), werden diese Zeit nicht überleben. Um ihre Patientinnen und Patienten (vulgo „Stammgäste“) muss man sich ja heute schon akut sorgen – und mithin um große Teile unserer Gesellschaft.

Denn Einrichtungen dieser Art waren tragender Bestandteil unseres Sozialgefüges. Orte der Zuflucht, der Sehnsucht und der Hoffnung, für viele gar letzte Oasen menschlicher Wärme, offener Ohren und großer Gefühle. Manche mögen nun sagen, wie kaputt ist eine Gesellschaft, wenn sie solches als Kitt benötigt – andere werden entgegnen, wie kaputt ist eine Gesellschaft, die solches für verzichtbar hält.

Allerdings muss man sagen, dass auch hier die Pandemie nicht Auslöser, sondern Beschleuniger einer langen Entwicklung ist. Kneipensterben ist kein aktuelles Problem, sondern ein seit Jahren grassierendes. Ursachen dafür sind neben dem Rauchverbot der Rückgang der Bevölkerung im ländlichen Raum und in Städten der rasante Anstieg von Mieten und Pachtzinsen – und hie wie da ein von der Fun- und Freizeitindustrie gesteuertes Ausgehverhalten.

Maßgeblich zu nennen sind da übrigens die Brauereien, deren Repräsentanten heutzutage keine Vertreter mehr sind, sondern „Key-Manager“, die sich von „Event-Locations“ mehr Profit versprechen als von normalen Eckkneipen und den Wirten lieber ihre schillernden Mixgetränke in „Bottleneck-Flaschen“ andrehen, als ihnen fassweise schnödes Exportbier zu verkaufen.

Untrügliches Zeichen für den endgültigen Niedergang der Kneipenkultur ist übrigens deren wachsende Beliebtheit bei Hipstern und artverwandten Zeitgenossen. Diese Indikatoren für den endgültigen Verfall begannen schon Jahre vor der Pandemie scharenweise die hinterletzten Lausbuden zu bevölkern. Kein Bier konnte ihnen schal, keine Bockwurst ranzig und keine Butzenscheibe butzig genug sein. Je dreckstarrender die Vorhänge, je schimmelklebriger die Theke, je nikotingelber die Lampen und je wortkarger der Wirt, umso schöner erschien ihnen die Schenke.

Das war natürlich maßlos übers Ziel hinausgeschossen, ein klassisches Beispiel für „Gut gemeint ist selten gut“. Denn urplötzlich in gewissen Kreisen „cool“ zu sein, überforderte trotz seit Jahrzehnten bester Umsätze nicht nur so manchen Wirt, sondern auch seine Stammgäste – also jene, die dort mit ihm seit Menschengedenken eine Symbiose namens „Zuhause“ bildeten.

Sie fremdelten zuerst, blieben dann nach und nach aus und kamen auch dann nicht wieder, als die Karawane der Coolen schon längst weitergezogen war, um das nächste verräucherte Loch zum heißesten Scheiß zu erklären. Man kann dies getrost als Gentrifizierung der Kaschemmen bezeichnen. Aber was soll’s, das ist nun grad egal – denn nach Corona werden die meisten sowieso pleitegegangen sein.

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