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Bluttat von Buffalo: Die Ideologie des Massenmörders

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Von: Paul Mason

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Der Täter von Buffalo steht für die Worte und Taten des modernen Faschismus. Wir müssen solchen Narrativen etwas entgegensetzen. Die Kolumne.

Frankfurt – Am 14. Mai erschoss Payton G. in Buffalo, New York, zehn amerikanische Mitbürger – fast alle waren schwarz. Der 18-Jährige übertrug die Schießerei per Livestream auf einen Videokanal, der von Videospielerinnen und -spielern verfolgt wurde. Er verfasste ein 180-seitiges Manifest. Antifaschismus-Experten kam es deprimierend vertraut vor, ein Machwerk zusammenkopiert aus anderen Manifesten bei Massenerschießungen.

Für Massenmörder wie G. haben derartige Aktionen eine symbolische Bedeutung. Er skizzierte seinen Wunsch, die Schwarzen im Staat New York zu terrorisieren, „eine Atmosphäre der Angst und des Wandels zu schaffen, in der drastische, kraftvolle und revolutionäre Aktionen stattfinden können“. Dies sei der mythische „Tag X“, an dem die Moderne und die Aufklärung in einem globalen Krieg endeten, der monokulturelle Ethnostaaten hervorbringe.

In diesen Worten, Gedanken und Taten zeigt sich die Architektur des modernen Faschismus.

Verbreitung über Netzwerke

Die Beobachtergruppe Unicorn Riot zeichnete mindestens 80 Interaktionen eines anonymen Nutzers mit demselben Verhalten wie G. auf einem weißen rassistischen und waffenbesessenen Discord-Kanal auf. Es bedurfte also weder eines faszinierenden Anführers, um G. zu radikalisieren, noch der Art von Kneipenkultur, wie sie die SA-Männer in den 1930er Jahren pflegten. Der Faschismus verbreitet sich über Netzwerke.

Der faschistische Massenmörder ist in unserem Jahrhundert zu einem erkennbaren menschlichen Stereotyp geworden. Immer männlich, immer unter sozialem und persönlichem Versagen leidend, immer eloquent und wortreich in seinem Aufruf zum Völkermord.

Erinnerung an die Opfer des Hassverbrechens von Buffalo.
Erinnerung an die Opfer des Hassverbrechens von Buffalo. © Scott Olson/Getty Images/AFP

Es wäre schon schlimm genug, wenn es sich dabei um einzelne Extremfälle handeln würde. Aber es gibt eine übergreifende Logik zwischen dem Schützen, der rechtsextremen Bewegung, rechtspopulistischen Parteien und den aufrührerischen Stimmen in den konservativen Medien.

Einflussreiches Verschwörungs-Narrativ

Das Narrativ des „Großen Austauschs“ ist das ideologische Rückgrat, das sie miteinander verbindet. Sie wurde 2010 von dem französischen Autor Renard Camus formuliert und ist im Grunde ein Aufguss der Theorien des arischen Vormachtpolitikers Houston Stewart Chamberlain aus der Zeit vor 1914.

Chamberlain behauptete, die Juden seien „wie ein Feind in Europa eingefallen“ und würden alle anderen Völker überwältigen, so dass sie die einzige „reine“ Rasse seien und der Rest „eine Herde pseudosemitischer Mestizen, ein unzweifelhaft physisch, geistig und moralisch degeneriertes Volk“.

Paul Mason

ist Autor. Sein gerade erschienenes Buch „Faschismus. Und wie man ihn stoppt“, stellt er am 25. Mai in Frankfurt im Gewerkschaftshaus vor.

Der Amokläufer von Buffalo musste nicht mühsam in die letzten Winkel des Internets kriechen, um eine moderne Version dieser Theorie zu finden. Er hätte sie auch auf Fox News sehen können. Im April 2021 erklärte Tucker Carlson, der beliebteste TV-Moderator Amerikas, seinen Zuschauerinnen und Zuschauern: „Die Demokratische Partei versucht, die derzeitige Wählerschaft, die jetzt ihre Stimme abgibt, durch neue Leute zu ersetzen, durch gehorsamere Wähler aus der Dritten Welt.“ Die Wut von Männern wie G. richtet sich im Kern gegen Modernität. Nicht nur gegen die sozialliberale Moderne des 21. Jahrhunderts, sondern gegen die Moderne, die mit Galilei und Spinoza begann.

Was dagegen hilft

Was können wir dagegen tun? Wir können Schusswaffen kontrollieren. Wir können die Schließung von Gewalt fördernden Internetplattformen fordern. Wir können aktiv gegen die extreme Rechte vorgehen. Es gibt ein Aber: Der Nihilismus der Massenmörder und ihrer Unterstützer ist das Produkt von Angst. Sie fürchten Komplexität, Heterogenität. Sie fürchten das Bild der von ihrer Fortpflanzungsbiologie befreiten Frau. Wie Erich Fromm, der große Frankfurter Psychologe, wusste: Sie fürchten die Freiheit.

Wenn Sie sich angesichts des ethnonationalistischen Hasses, der verbreitet wird, hilflos fühlen, besuchen Sie doch einen Teenager in Ihrem Umfeld und fragen Sie, ob sie oder er die Narrative vom „Großen Austausch“ oder dem „Völkermord an den Weißen“ kennen. Es wird Sie überraschen, wie viele davon gehört haben. Als nächstes fragen Sie sich: Könnte ich diese Teenager mit Wissenschaft, Logik, Moral und intellektueller Stärke so ausstatten, dass sie die Auseinandersetzung auf dem Schulhof oder in der Universitätsmensa gewinnen? Es mag Sie überraschen, wie schwer das ist.

Propaganda im TV

Wenn das Narrativ vom „Großen Austausch“ erst einmal die Vorstellungskraft junger Männer bevölkert hat, denen es egal ist, ob sie leben oder sterben, ist sie unkontrollierbar. Unsere Aufgabe ist es, sie an der Quelle zu widerlegen und zu bekämpfen. In den Schulen, unter den jugendlichen Gamern, in den angesagten Universitätsclubs, wo sie geflüstert wird. In den milliardenschweren Fernsehsendern, wo sie reingewaschen wird. (Paul Mason)

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