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Die hundertste Kolumne

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Von: Richard Meng

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Hundert Schritte am Tag? Merken wir gar nicht, ebenso wenig wie hundert Kaubewegungen oder hundertmal Zwinkern. Wir alle hätten viel zu tun, da mitzuzählen.
Hundert Schritte am Tag? Merken wir gar nicht, ebenso wenig wie hundert Kaubewegungen oder hundertmal Zwinkern. Wir alle hätten viel zu tun, da mitzuzählen. © Julian Stratenschulte/dpa

Ernsthaftes Nachdenken muss nicht in Trübsal enden – ein Blick auf 99 Kolumnen und das Wort „ich“. Die Kolumne.

Für fast alle Leute sind runde Geburtstage etwas Besonderes. Eine Freundin, die traditionell lieber ihre Neunergeburtstage (29, 39, 49) größer feiert, mag vielleicht im runden Jahr dann besonders nachdenklich sein – man traut sich aber nicht wirklich, sie danach zu fragen. Wenn’s an die runde Hundert geht, ist sowieso alles schon historisch und posthum. „Heile, heile Mausespeck …“, dichtete dazu die Mainzer Fastnacht.

Aber wie ist das nun bei einer hundertsten Kolumne, fragt sich ein grübelnder Autor direkt nach der 99. und noch mitten im Leben? Ob Lust oder Frust, Gewinn oder Zeitverschwendung, Anregung oder Aufregung: Das können nur Sie bewerten, die Leserinnen und Leser. Wiewohl: Im politischen Journalismus haben wahrlich nicht alle Autorinnen und Autoren immer zuerst die Leserinnen und Leser im Kopf, auch das gehört zur Wahrheit.

Jedenfalls ist die Hundertste nun Zeit für ein Bekenntnis: 99-mal habe ich es geschafft, das Wort „ich“ nicht zu benutzen, von der abstrakten Kritik an Ichlingen abgesehen. Ich finde Ich-Inflationen meistens anmaßend und egozentrisch. Das sehen andere anders, vielleicht bin ich da inzwischen ein wenig altmodisch. Aber mich stören die Ichs, wenn man für andere jenseits der persönlich-privaten Sphäre etwas analysiert, erklärt, kritisiert.

Es stimmt andererseits, dass dies eine Frage des ganzen Ansatzes ist. Es gibt Kolumnenschreibende, die stets vor allem ihr persönliches Gefühlserleben ausbreiten. Vergnüglich geschrieben oft, unterhaltsam als Ergänzung zur Tagesberichterstattung. Wer das mag: bitte lesen. Die Ichperspektive ist tagesliterarisch nun mal auf dem Vormarsch, zumal im Netz. Und, zugegeben: Sie verhindert nicht automatisch kluge Gedanken.

Zur Person

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

Angebote machen zum Weiterdenken: Das vor allem habe ich 99-mal versucht. Hinter die Dinge schauen. Dabei möglichst nicht alles besser wissen wollen, sondern mit einem Schuss Selbstironie, gerne am Textende, deutlich machen, dass ernsthaftes Nachdenken weiterbringt und nicht in Trübsal enden muss. Dass indes Zusammenhänge meistens wichtiger sind als Personen.

Ernsthaftigkeit dabei bedeutet, auch das ernst zu nehmen, was man selbst kritisch sieht. Es sich und dem Publikum erklären. Weil, das lernt man bei Ausflügen ins politische Feld, die Akteurinnen und Akteure dort in aller Regel nicht doof sind – während sie in so manchem journalistischen Schnellschuss mit und ohne ausgesprochenes Ich gerne als ziemlich doof hingestellt werden.

Nicht doof bedeutet hier: meistens professionell, fast immer ehrlich bemüht, einen Weg versuchend, wenn auch häufig minder erfolgreich dabei, im Eigeninteresse gerne wegtauchend vor Entscheidungsverantwortung. Guter kritischer Journalismus bedeutet, dieses unvollkommene Politische kompetent einzuordnen und zu erklären, inklusive der realen Beschränkungen und Randbedingungen. Statt es nur von außen scheinschlau zu kritisieren. Auf dass ich mich besser fühle als die da.

Das Schöne am Kolumnenschreiben ist, dass der durchaus subjektive Blick auf die Dinge nicht verpönt, sondern erwünscht ist – was zugleich das Schöne am Kolumnenlesen ist. Wenn nun Sie, die Leserinnen und Leser, bei mir da in Zukunft wieder das Ich vermissen: Sehen Sie’s mir nach. Ich finde mich nicht so wichtig, außer heute mal. Mir ist es lieber, Ihnen Argumentationen anzubieten, aus denen Sie mein Ich nicht erst wieder wegdenken müssen.

Die Hundert? Ist ja eigentlich nichts Besonderes. Man denke an den hundertsten Schritt am Tag, die hundertste Kaubewegung, das hundertste Augenzwinkern. Wir alle hätten viel zu tun, da mitzuzählen. Sie hätten das mit der heutigen Hundertsten gar nicht gemerkt, wenn ich es Ihnen nicht aufgeschrieben hätte.

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