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Das Büro der Initiative „19. Februar“ der Opferfamilien des Attentats in Hanau.
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Das Büro der Initiative „19. Februar“ der Opferfamilien des Attentats in Hanau.

Kolumne

Die Gewalt nach der Gewalt

  • Hadija Haruna-Oelker
    vonHadija Haruna-Oelker
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Wenn die Opfer rassistischer Taten um Anerkennung ihres Leidens kämpfen müssen, bleibt Aufklärung ein leeres Wort. Eine Kolumne.

Haben wir genug über Rassismus in Deutschland gesprochen? Wer erträgt es nicht mehr, wenn das Thema „Weiß sein“ in den Mund genommen wird, oder glaubt, dass antirassistische Arbeit ein lukratives Geschäft ist?

Eine mediale Debatte über genau diese Punkte läuft aktuell, und ich wundere mich, wie so viele nicht müde werden, immer wieder darüber zu diskutieren, ob wir das N-Wort noch benutzen dürfen oder nicht. Ich bin es leid, dazu habe ich den Jahrestag des rassistisch motivierten Anschlags in Hanau am 19. Februar vor Augen. Aber da war ja was: immer zwei Schritte vor, einer zurück.

Mercedes Kierpacz, Ferhat Unvar, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtovic, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Paun, Said Nesar Hashemi, Fatih Saraçoglu: #SayTheirNames. Ein Hashtag, der uns daran erinnert, die Ermordeten nicht zu vergessen.

Es ist eine neue Form der Erinnerungskultur und Ausdruck eines „organisierten Widerstandes“, der von Initiativen wie der des 19. Februar ausgeht. Er zeigt, dass migrantisierte, Schwarze Leben zählen. Dass Empowerment, also die Selbstbestärkung und -befähigung Betroffener, mehr und mehr zum politischen Instrument wird, weil rassistisch und antisemitisch motivierte Morde zunehmen, zu wenig Beachtung finden und zu schnell vergessen werden, wie die Vergangenheit, die Aufarbeitung des NSU-Komplexes gezeigt hat.

Am 19. Februar jährt sich der Tag einer weiteren Spitze in der Geschichte menschenfeindlicher Taten. Die Rassismusforscherin Vanessa E. Thompson spricht von einer „Kontinuität der Gewalt“, wirft den Blick zurück auf die Anschläge in den 90er-Jahren und zeigt auf, dass die Erfahrungen vergleichbar sind, die Betroffene nach einer Tat machen. „Die Gewalt nach der Gewalt“ nennt es Ayse Gülec von der Initiative 6. April, wenn sich die Gewalt für die Betroffenen verlängert, weil sie selbst aktiv werden müssen, um für ihre Recht zu kämpfen und ihnen die Möglichkeit genommen wird, zu trauern.

Jahrelang hat sich Ayse Gülec für die Aufklärung der Verstrickung des Verfassungsschützers Andreas Temme in den Mord des NSU an Halit Yozgat in Kassel eingesetzt. So wie es jetzt die Familien in Hanau tun. Sie waren es, die schon vor Monaten die Fragen gestellt haben, warum der Polizeinotruf in der Tatnacht nicht erreichbar war oder der verschlossene Notausgang in der Shisha-Bar kein Gegenstand der Ermittlungen. Lange wurden sie nicht gehört, aber ihnen sind viele der Erkenntnisse zu verdanken.

Noch immer bekommen Morde an Schwarzen Menschen und Menschen of colour zu wenig Aufmerksamkeit oder es wird fragwürdig ermittelt wie im Fall des 27-jährigen Geflüchteten Samuel Yeboah, der 1991 bei einem Brandanschlag auf seine Unterkunft qualvoll verbrannte. Jetzt, 30 Jahre später, gibt es einen Verdächtigen aus der aktiven rechtsextremistischen Szene aus Saarlouis und viele Fragen.

Für Nebenkläger Ahmed I. Ist der Teil-Freispruch für Stephan E. im Walter-Lübcke-Prozess retraumatisierend. Er hatte berichtet, dass die Behörden ihm 2016 nicht geglaubt hätten und dass nun die Beweise fehlten, die belegen, dass E. damals einen Messerangriff auf ihn verübt hat.

Wenn nichtweiße Menschen als weniger wichtiger Teil der Gesellschaft gesehen werden, fallen sie leicht hinten runter. Dann wird dem Thema struktureller Rassismus auf politischer Ebene kein Platz eingeräumt, sondern lieber über Alltagsrassismus gesprochen, weil der leichter verdaulich ist. „Systematische Nicht-Aufklärung“, nennt das Thompson.

Viel gebracht hat also das vergangene Jahr an Aufklärung, Aufarbeitung und Heilung in Hanau nicht. Es muss noch einiges passieren, um die Opferfamilien zu stärken und die Vorwürfe zu klären: die Schwerfälligkeit der Ämter bei der Unterstützung der Angehörigen, die Modalitäten des Opferfonds, der nur wenigen nutzt, das Versagen der Behörden vor, während und nach der Tat.

Wie kann es sein, dass den Ermittlern monatelang bekannt war, dass der Vater des Täters das rassistische Gedankengut seines Sohnes vertritt, schriftliche Drohungen ausspricht und die Waffen zurückverlangt, aber die Opferfamilien nicht darüber informiert wurden? Das macht Angst und wirft die Frage auf, wer hierzulande geschützt wird.

Wir müssen also nicht nur mehr über Rassismus sprechen, sondern richtig, und das muss spürbare Konsequenzen haben. Darum muss es ein Jahr nach Hanau gehen und in Zukunft.

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