Vernunft interessiert unsere „Diktatur“-Greiner wohl nicht einmal peripher.
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Vernunft interessiert unsere „Diktatur“-Greiner wohl nicht einmal peripher.

Kolumne

„Querdenker“ und Corona-Egoisten: Freiheit definiert nicht, wer am lautesten schreit

  • Katja Thorwarth
    vonKatja Thorwarth
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Was würden Hegel, Kant und Sartre zu jenen sagen, die gegen die Folgen der Corona-Krise demonstrieren und zugleich ihre Freiheit gefährdet sehen? Die Kolumne.

Sogar Marius Müller-Westernhagen musste für ihre Botschaft herhalten. „Freiheit, Freiheit ist das einzige, was zählt“, dröhnte es aus dem Lautsprecher vor dem Brandenburger Tor – und die Kehlen schmetterten den Refrain zum Song, der 1990 noch als Hymne des Niedergangs der DDR gegolten hatte. Das passt auch für 2020, dürften sie sich gedacht haben, ist doch die Bundesrepublik in Zeiten von Corona, der Merkel-Spahn-Drosten-Regierung sei Dank, zur „DDR 2.0“ (AfD Bayern) mutiert.

Aber welche Freiheit meinen diejenigen, die wöchentlich durch die Städte marschieren? All jene, die selbstverständlich so frei sind, auf einen Mundschutz in der wogenden Menge zu verzichten, die Reichsflagge zu schwenken und sich von einem fanatischen Verschwörungsideologen ihrer Wahl die Gehirnzellen lahmlegen zu lassen?

Anzumerken ist, dass das Individuum in den ersten Monaten der Corona-Pandemie sowohl hinsichtlich des eigenen Handlungsrahmens als auch bezüglich staatlicher Interventionen in seiner Freiheit de facto eingeschränkt war. Was nur durchgesetzt werden konnte, weil der Staat den Gesundheitsschutz der Allgemeinheit höher priorisiert als die freiheitliche Entfaltung des Einzelnen.

Kant: Freiheit ist explizit an die Vernunft gekoppelt

Folgt man jedoch Immanuel Kant, ist Freiheit explizit an die Vernunft gekoppelt, weshalb, weiter gedacht, vernünftig begründete Einschränkungen Teil der Freiheit sein dürften. Die Vernunft sei es, die den Menschen vom Tier unterscheide und ihn daher befähige, Handlungsgrenzen als notwendig einzuordnen. Friedrich Hegel hat die Freiheit ebenso mit der Vernunft und einer „Einsicht auf die Notwendigkeit“ verknüpft: „Wer unter den Corona-Maßnahmen der Regierung eine Einschränkung von Freiheitsrechten versteht, der irrt“, ergänzt, mit Verweis auf Hegel, der Philosoph Klaus Vieweg.

An dieser Stelle steigen die Coronavirus-Leugnerinnen UND -Leugner aus. Für sie existiert(e) keine Pandemie und ergo keine Notsituation, weshalb sie ihr Vernunftpotenzial gar nicht erst abzurufen brauchen. Aber meinen sie nicht sowieso eine ganz andere „Freiheit“? Immerhin haben sie die „Diktatur“ schnell bei der Hand, als würde die Gunst der Stunde einer allgemeinen Unzufriedenheit genutzt.

„Querdenker", Hildmann, Jebsen und ihre Fans: Freiheit fordern, um Freiheit abzuschaffen

Weshalb es solchen Leuten nicht um durchaus zu kritisierendes politisches Handeln gehen dürfte, wie beispielsweise um den unterschiedlichen Umgang mit Lockerungen. Dass es im Flieger kuschelig eng zugehen darf, die Clubszene oder Konzertveranstalter Hygienekonzepte vorlegen können, wie sie lustig sind, viele Läden bislang aber dennoch dicht bleiben, ist vernunftbasiert nicht nachvollziehbar.

Das interessiert unsere „Diktatur“-Greiner wohl nicht einmal peripher. Vielmehr scheinen sie eine Freiheit zu fordern, um die real existierende mehr oder weniger abzuschaffen. Das deutsche (sic) Volk möge das Heft in die Hand nehmen und Checker wie Attila Hildmann oder Ken Jebsen als führende Persönlichkeiten installieren, auf dass die Freiheitsdefinition jenen vorbehalten bleibe, die am lautesten schreien.

Jean-Paul Sartre, Existenzialist, der die Menschen generell zur Freiheit verurteilt sah, setzte die Eigenverantwortlichkeit als Freiheitskriterium voraus. Allerdings: Wenn die Umstände bedingten, dass man sich einfach – „Die Freiheit des Einzelnen setzt die Freiheit aller voraus“ – abfinden müsse, habe man immer noch die Freiheit, unter den Umständen zu leiden.

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