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„Ist mir egal“: Diese drei Worte drücken absolute Gleichgültigkeit aus.
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„Ist mir egal“: Diese drei Worte drücken absolute Gleichgültigkeit aus.

Kolumne

Die drei schlimmsten Wörter

  • Maren Urner
    vonMaren Urner
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„Ist mir egal!“ ermöglicht viel zu viele Dinge, weil das Gegenteil von Liebe nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit ist.

Was sind die drei schlimmsten Wörter, die ein Mensch äußern kann? Sie handeln nicht von Unwissen, nicht von Wut oder Ärger oder gar von Hass. Sie beschreiben das Gegenteil jeder Emotion. Denn nur wenn keine Emotionen im Spiel sind, kann ich mich einfach aus der Affäre ziehen.

Nur wenn es mir egal ist, dass Kindersklaven die Kakaobohnen meiner Schokolade angebaut haben, kann ich den süßen Geschmack genießen. Nur wenn es mir egal ist, ob bestimmte Menschen sich und andere vor Viren schützen können, kann ich ihnen unbrauchbare Masken anbieten wollen. Nur wenn es mir egal ist, dass nach mir die Sintflut kommt, kann ich an kurzfristigem Denken und Handeln festhalten.

„Ist mir egal!“ Das sind die drei schlimmsten Wörter, nach denen wir denken und handeln können. Warum? Weil das Gegenteil von Liebe nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit ist. Richtig bewusst wird mir diese Erkenntnis, als ich am 9. Mai anlässlich Sophie Scholls 100. Geburtstag an einen Satz auf dem fünften Flugblatt der Weißen Rose erinnert werde: „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt! Entscheidet Euch, eh’ es zu spät ist!“

Wenn alles gleich-gültig ist, müssen wir uns nicht entscheiden. Stärker noch, wir können uns gar nicht entscheiden, weil wir keine Kriterien haben, auf die wir unsere Entscheidung stützen könnten. So wie das Kind, dem es egal ist, welche Eissorte es serviert bekommt, weil es den unterschiedlichen Geschmack von Vanille und Schokolade noch nicht kennt.

Wenn uns etwas gleichgültig ist, gibt es keine Rangliste, keine Werte und Bewertungen. Wir können nichts bevorzugen oder vernachlässigen, können nicht für oder gegen etwas eintreten.

Und wie zerreißen wir den Mantel der Gleichgültigkeit, den wir – an dieser Stelle ändere ich den Aufruf der Weißen Rose ein wenig – um unser Hirn gelegt haben? Indem etwas für uns wichtig wird, weil es eine Bedeutung erhält. Etwas kann für uns nur bedeutsam werden, indem wir uns Zeit nehmen – Zeit nehmen zu „deuten“. Das lehrt uns der Fuchs, der dem kleinen Prinzen erklärt: „Die Zeit, die du für deine Rose gegeben hast, sie macht deine Rose so wichtig.“

Ob wir es „Zeit nehmen“, „kennenlernen“, „vertraut machen“ oder gar „Liebe“ nennen, ist zweitrangig und hängt eher vom Kontext und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Akzeptanz gegenüber verschiedenen Begriffen ab. Auch wenn die Vorstellung von ein wenig mehr „Liebe“ in parlamentarischen Debatten und Vorstandssitzungen verlockend ist.

Die wichtige Erkenntnis, die uns die Ergebnisse sämtlicher neurowissenschaftlicher und psychologischer Studien liefern, ist die, dass unser menschliches Gehirn genau eine Währung für „Bedeutung“ – also das Gegenteil von Gleichgültigkeit – kennt: Emotionen.

Klar ist auch: Der Tag hat 24 Stunden, und die Zeit, die wir mit Rosen und anderen Dingen verbringen, ist genau wie unsere dabei involvierten emotionalen Ressourcen begrenzt. Die wichtigste Frage ist also wie so oft im Leben eine Verteilungsfrage. Wie wollen wir unsere begrenzte Ressource „Bedeutung“ verwenden? Oder anders formuliert: Worum geht es eigentlich wirklich, und was ist wirklich wichtig?

Die Antworten auf diese Frage hängen grundlegend mit den Geschichten zusammen, die wir uns auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene täglich erzählen. Die Geschichten vom guten und schlechten Leben, die Geschichten vom Glück und Unglück, die Geschichten von dem, was nicht gleichgültig ist.

Die Autorin ist Professorin für Medienpsychologie und Neurowissenschaftlerin.

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