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Deutschland rückt zusammen

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Von: Petra Kohse

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Olaf Scholz beim Maschinenbau-Gipfel am 11. Oktober in Berlin: „Ich habe es für möglich gehalten.“ Guter Junge!
Olaf Scholz beim Maschinenbau-Gipfel am 11. Oktober in Berlin: „Ich habe es für möglich gehalten.“ Guter Junge! © Kay Nietfeld/dpa

„Gemeinsamkeit“ und „Zusammenstehen“ sind die Vokabeln, mit denen die Bundesregierung die Krise meistern will. Das macht misstrauisch. Die Kolumne.

Das Lieblingswort des Bundeskanzlers ist „gemeinsam“. Nehmen wir eine beliebige Rede, warum nicht die vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 21. September: Nach einigen eröffnenden Sätzen auf Englisch wechselt er ins Deutsche und stürzt in den folgenden Absätzen gleich zehnmal auf dieses Adjektiv zu.

Oder stützt sich darauf oder hangelt sich daran entlang, wie auch immer man die rhetorische Funktion dieses refrainhaften „gemeinsam“ in der sonst eher spröden scholzschen Rede beschreiben mag – mit genuscheltem „ge“, stimmhaftem „m“, geknödeltem „ein“ und summendem „sam“ am Ende: “(…) gemeinsam geschaffen (…) gemeinsam verteidigen (…) gemeinsam mit Partnern (…)“. Ja, wie denn auch anders als „gemeinsam“ mit Partnern?

So viel betonter Zusammenhalt macht misstrauisch. Zumal sich Herr Scholz an anderer Stelle gerne als Klassenbester darstellt, der etwa – so geschehen beim Maschinenbau-Gipfel am Dienstag in Berlin – als Einziger „immer sicher“ gewesen sei, dass der russische Präsident die Energielieferungen als Waffe nutzen würde: „Das war – ich glaube, das kann man hier sagen – zu einer Zeit, als die allermeisten das noch nicht für wahrscheinlich gehalten haben. Aber ich habe es für möglich gehalten.“ Guter Junge! Oder halt, wo blieb denn damals die Gemeinsamkeit eines rechtzeitigen Handelns mit Partnern?

Ein Verwandter von „gemeinsam“ ist „zusammen“. Auch dies ein Wort, bei dem man die Lippen fest aneinanderpressen muss. Und dessen inflationäre Verwendung durch die Bundesregierung klaustrophobische Gefühle weckt. „Deutschland steht zusammen“ ist der Claim der finanziellen „Entlastungspakete“, die die Regierung geschnürt hat und deren 16 Maßnahmen einem doch sehr partikular vorkommen. Ist es schon ein Zusammenstehen, wenn es weitere drei Monate lang steuerfinanzierte Zugangserleichterungen für Kurzarbeitergeld gibt? Und wenn ja: Was ist nach den drei Monaten? Gehen wir dann wieder auseinander?

Überhaupt hat die Metapher vom Zusammenstehen etwas Bedrückendes. Könnten wir nicht wenigstens gemütlich sitzen? Dieses Gestehe ist ja eher um ein Grab herum, gegen Ansturm von außen oder um etwas auszuhecken. Da ist keine Bewegung, also keine Entwicklung und keine Zukunft im schieren Zusammen-Stehen, da ist nur Beharren und Augenzukneifen vor der Gewissheit, dass Dinge sich gerade ändern.

Womit ich nichts gegen 18 Euro mehr Kindergeld im Monat oder eine Erhöhung der Homeoffice-Pauschale von 600 auf 1000 Euro jährlich sagen will. Aber gewinnt man dadurch eine Perspektive? Geht dadurch der Ruck durch die Gesellschaft, bei dem man die anderen zu spüren beginnt? Diejenigen in Pflegeberufen vielleicht, denen wir im April 2020 abends auf den Balkonen geklatscht haben, die aber immer noch sehr allein stehen mit ihren prekären Arbeitsbedingungen?

Diese Form des geknödelten scholzschen Zusammenstehens ist am Ende nur der Versuch, auf sandigem Boden Wurzeln zu schlagen. Warum gehen wir nicht lieber los („Deutschland geht los“ – na gut, das ist auch keine Option) im Bewusstsein, dass nichts bleibt, wie es ist? Und benennen es dann auch so?

Jedem „Bündnis bezahlbaren Wohnraums“ zum Trotz: Die meisten, die jetzt kein Haus haben, bauen sich keines mehr. Lasst uns also überlegen, wer zu wem ziehen muss – das wäre dann vielleicht die Variante „Deutschland rückt zusammen“. Oder, etwas dynamischer: „Deutschland rückt auf“.

Petra Kohse ist Theaterwissenschaftlerin, Kulturredakteurin, Buchautorin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

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