Polizisten in schwarzer Montur halten einen Menschen am Boden fest.
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„Danke Polizei für das stete verprügeln von Linken.“ – Die Dankbarkeit gegenüber der Polizei hält sich in Grenzen.

Kolumne

Polizeigewalt in Deutschland – Wenn ein Schlag ins Gesicht als „Ohrfeige" relativiert wird

  • Katja Thorwarth
    vonKatja Thorwarth
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Watschen, Ohrfeige, Schelle. Es gibt schöne Worte für so eine hässliche Form der Polizeigewalt wie Schläge ins Gesicht. Die Kolumne.

  • Videos dokumentieren mehrere Fälle von Polizeigewalt in Deutschland.
  • Häufig werden die Taten mit schönen Worten und Erklärungen relativiert.
  • Wie sollte über Polizeigewalt diskutiert werden?

Göttingen – Wie klingt die Botschaft: „Eine Watschen hat noch keinem geschadet“? Richtig, nach reaktionärem Erziehungsstyle der 1950er Jahre. War aber kürzlich erst, sprachlich gerne auch abweichend, eine beliebte Reaktion auf den Fall eines 19-Jährigen, dem ein Polizist in Ausübung seines Berufes ins Gesicht geschlagen hat.

Reden über Polizeigewalt: Schlag ins Gesicht sei „menschlich erklärbar“

Watschen, Ohrfeige, Schelle. Nicht wundern solle sich der Bub, schließlich schalle es aus dem Wald heraus, wie es in ihn hineinrufe, führte ein Leser näher aus. Denn der Jugendliche hatte nach Angaben der Polizei die Beamten mehrfach beleidigt. Drei an der Zahl waren es, die, wegen Ruhestörung kontaktiert, vorstellig wurden. Dann der Schlag ins Gesicht, der Kopf fliegt zur Seite, wie ein Video die Szene dokumentiert.

Und der Leiter der hierfür zuständigen Polizeidirektion Thomas Rath? Dem Kollegen sei „die Hand ausgerutscht“, doch auch wenn das nicht hätte passieren dürfen, so sei es doch immerhin „menschlich erklärbar“. Wow, das ist schon einigermaßen stark, dass ein Dienstherr eine de facto ausgeübte körperliche Gewalt im Amt als „menschlich erklärbar“ relativiert.

Thomas Rath hält den Schlag für „menschlich erklärbar“ – Was bedeutet das für „Ausrutscher“ der Staatsgewalt? (Archivbild 28.09.2019)

Womit wir bei der Floskel wären, dass Polizisten „auch nur Menschen“ sind. Eine Erkenntnis, die häufig herangezogen wird, um das Menschliche an Polizeigewalt herauszustreichen. Und mal ganz abgesehen davon, dass beinahe jede Handlung erklärbar ist – wie sehr verschiebt diese Relativierung die Parameter? Immerhin sprechen wir von der Exekutiven aka Staatsgewalt, die aus den Schlagzeilen bezüglich eklatanten Fehlverhaltens nicht mehr herauskommt.

Polizeigewalt kommt aus einer Machtposition – „Schubs mich, und Du fängst dir ne Kugel“

Wobei dem Schlag ins Gesicht noch eine weitere Komponente innewohnt. Immerhin ist er patriarchale Machtausübung und Züchtigungsinstrument gleichermaßen, das dem Hausherren Jahrhunderte lang vorbehalten blieb – und dem die Demütigung implizit sein soll.

Bei dem Bengel, der bekommen hat, was „eigentlich der Job seiner Eltern gewesen wäre“ (Leser), wird der Polizist schließlich als Korrektiv einer Kuschelerziehung gerechtfertigt, die aus Kindern entweder Weicheier oder Rotzlöffel formt. Also alles nur Ausübung eines latenten Erziehungsauftrags. Allerdings geht da natürlich noch viel mehr.

„Danke Polizei“ – Kampagne am „Danke-Polizei-Tag“ auf Twitter geht nach hinten los

„Schubs mich, und Du fängst dir ne Kugel“, ist jetzt keine Szene aus einem Western, sondern hatte ein Polizist einem Demonstranten bei einer Demo in Dresden zugeraunt, die Hand über der Waffe platziert. Ein weiteres Beispiel für ein gewaltaffines Mackergehabe, das die situative Machtposition unter Verkennung der eigentlichen Rolle ausnutzt.

Da traf es sich bestens, dass am Wochenende eine Solidaritätsaktion das angeknackste Image der Polizei-Behörde mit dem hübschen Hashtag #DankePolizei wieder ein bisschen aufpolieren sollte. So ähnlich zumindest werden die PR-Spezialisten sich das gedacht haben.

Polizeigewalt in Deutschland: Kampagne geht daneben

„Dankt ihr der Polizei, wenn ihr sie seht?“, hatte gar die Polizeigewerkschaft Berlin auf Twitter gefragt: 84,7 Prozent hatten übrigens mit „nein“ gevotet. Überhaupt dürften Tweets wie „Danke Polizei für eure tolle Mitarbeit und Rückendeckung. Gez. NSU 2.0“, „Ob Rechtsextremismus oder Polizeigewalt, auf euch ist immer Verlass, danke Polizei“ oder „danke Polizei für das stete Verprügeln von Linken“ die Erwartungen an die Aktion eher nur so mittelmäßig erfüllt haben.

Sie hätten ihre Kampagne besser auf Weihnachten verschoben, wenn der Glockenklang und Lichterglanz geeignet ist, so manch zornige Seele zu befrieden.

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