RKI-Präsident Wieler (l.) informierte regelmäßig über neue Ergebnisse.
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Kolumne

Deutsche Corona-Politik: Überraschend vernünftig

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Was eine Pandemie so alles bewirken kann: sogar das Gefühl, dass die Regierung fast alles richtig macht. Und ein paar Gedanken über den Sinn von Wasserwerfern. Die Kolumne.

  • Vernunft ist in der Corona-Krise so gefragt wie nie.
  • Regierung und EU-Staaten waren sich in ihren Maßnahmen überraschend einig.
  • Die Gefährlichkeit von Covid-19 in Zweifel zu ziehen, findet der Autor menschenverachtend.

Eigentlich könnte ich auf den Gedanken kommen, mir nicht mehr über den Weg zu trauen. Mich zur Seite zu nehmen, mich zu schütteln, mir tief in die Augen zu sehen und mich zu fragen „Herl, was ist los mit Dir?“. So ähnlich tat ich es denn auch. Ich ging also in mich und dort mit mir zu Gericht – und sprach mich schließlich frei. Die Urteilsbegründung bescheinigte mir, weder zum Paulus noch zum Horst Mahler geworden, sondern mir schlicht treu geblieben zu sein.

Die Corona-Krise bringt Anpassung mit sich

Was ich mir vorwarf? Anpassung. Ich ertappte mich dabei, zum ersten Mal im Leben mit dem Handeln der Regierenden weitgehend einverstanden zu sein. Das irritierte mich, das passte nicht zu meiner Vita, das war ich nicht. Dachte ich.

Aber warum? Zeit meines Daseins ließ ich mich von der Vernunft leiten. Daraus ergab sich folgerichtig eine notorische Anti-Haltung. Krieg, Atomkraft, Unterdrückung, Naturzerstörung, Wohnraumspekulation, Fremdenhass, Faschismus, nichts davon ist vernünftig. Alles wurde aber bisweilen politisch verordnet – und stieß logischerweise auf meine Ablehnung. Nun ist das anders.

Forschende in der Corona-Krise geben auch Fehler zu

Ich fand es zum Beispiel wohltuend, wie wir in den vergangenen sieben Monaten an dem Prozess der wissenschaftlichen Forschung teilhaben durften. Man informierte uns täglich über neue Ergebnisse, ebenso wie über kontroverse Ansichten. Denn die Forschenden gaben auch Fehler zu und gestanden irrige Annahmen ein.

Diese Offenheit setzt allerdings wissbegierige und mündige Bürger voraus, die nicht sofort „Die sagen heute dies und morgen das“ brüllen, sondern interessiert den weiteren Weg der Forschung auf diesem neuen Feld namens Covid-19 verfolgen und sich dann auch entsprechend verhalten. Wer damit nicht klar kommt, dem bleibt nur der Glaube an Xavier Naidoo, die sogenannte AfD oder Donald Trump.

Bei diesem Profilpsychotiker sieht man übrigens beispielhaft, wohin es führt, wenn die Politik die Wissenschaft ignoriert. Hierzulande gehen wir den umgekehrten Weg. Regiert wird ausschließlich auf wissenschaftlichen Rat hin. Übrigens nicht nur hier. Nach anfänglichen – vorwiegend von Deutschland ausgehenden – Peinlichkeiten hat sich der gemeinsame Umgang mit der Pandemie zu einem kaum noch für möglich gehaltenen Musterbeispiel für eine Europäische Union entwickelt. Sogar notorisch Abtrünnige wie Ungarn und Polen fügen sich tendenziell der Kraft des Faktischen.

Covid-19: Vernunft ist gefragt

Möge es so bleiben. Auch wenn die Zeiten noch böser werden, ist Vernunft gefragt wie nie. Denn angesichts von Millionen von Menschen, die an dem Virus verstorben sind oder um ihr Leben bangen, bräsig in einem Wohlstandsstaat zu sitzen und gut genährt und bestens medizinisch versorgt die Gefährlichkeit von Covid-19 in Zweifel zu ziehen, ist dekadent und menschenverachtend und unterscheidet sich in nichts von den Fabulierereien des Donald Trump.

Dass dies am lautesten in dem Land geschieht, an dessen Wesen schon einmal die Welt genesen sollte, macht diese Wirrköpfigkeit nur noch wirrköpfiger. Aber was tun? Nun, wenn wir schon bei meinem Sinneswandel sind: Gelegentlich ertappe mich auch dabei, mit Wasserwerfern zu sympathisieren. Jahrzehntelang dachte ich, die seien nur konstruiert worden, um die Guten von der Straße zu spritzen. Doch die können gewiss auch anders. (Michael Herl ist Theatermacher und Autor)

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