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Der Zweck und die Mittel

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Von: Harry Nutt

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Zwei Angehörige der „Letzten Generation“ haben sich in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden Raffaels „Sixtinische Madonna“ ausgesucht, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen.
Zwei Angehörige der „Letzten Generation“ haben sich in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden Raffaels „Sixtinische Madonna“ ausgesucht, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. © Sebastian Kahnert/dpa

Wenn sich Menschen der Letzten Generation an Bilderrahmen kleben, ist das nicht nur Symbolpolitik. Vielmehr nutzen sie die Kunst für den Klimaschutz. Die Kolumne

Wie es mit der Rettung der Natur läuft, wusste die kanadische Sängerin Joni Mitchell bereits 1970. „They put all the trees/put them in a tree-museum“, singt sie in „Big Yellow Taxi“. Für wenig mehr als einen Dollar konnte man demnach in einem Baummuseum das Gefühl, eins zu sein mit der Natur, am Counter erwerben. Achtung: Ironie. Mehr als ein Protestlied über Umweltzerstörung war „Big Yellow Taxi“ wohl eins über emotionale Ausbeutung. Wo Rettung draufsteht, muss sie nicht unbedingt drin sein.

Es ist natürlich ein schwer paternalistischer Blick, der nun den ungezogenen Kindern der Letzten Generation dabei zusieht, wie sie sich im schönen Frankfurter Städl-Museum und anderswo an Bilder des einheimischen kulturellen Erbes anheften. Richtete sich das Mitgefühl zuletzt im vollen Bewusstsein der Wirkungsweise von Sekundenklebern auf leicht verletzlicher Haut, die unsanft vom Asphalt gelöst werden musste, so gilt es nun den üppigen Bilderrahmen, von denen man schnell erfuhr, dass sie meist keinen originalen Werkcharakter besitzen.

Die Kunst, sollte das wohl heißen, bleibt unberührt. Unsere Radikalsten sind also auch bloß in symbolpolitischer Mission unterwegs – die Revolte als billiger Showeffekt. Die Letzte Generation greift zurück auf ein riesiges Reservoir aus der Geschichte von Agitprop und Kunstavantgarde.

Hätten Sie es gewusst? Es ist gerade einmal vier Jahre her, dass die schwedische Schülerin Greta Thunberg sich mit einem handgeschriebenen Schild auf die Straße gesetzt und einen Schulstreik ausgerufen hat, der bald danach millionenfach von ihresgleichen befolgt wurde. Das Klima, für das Greta Thunberg sich trotzig niedergelassen hatte, erschien so als letzte universelle Gegebenheit, die es gegen übermächtige Partikularinteressen zu verteidigen galt.

Lange vor dem durchschlagenden Erfolg der „Fridays for Future“-Bewegung mündete die pädagogisch wertvolle Antwort auf Gretas Tun tatsächlich in die mit großer Ernsthaftigkeit vorgetragene Frage, ob es zu verantworten sei, dass schulpflichtige Kinder dem Unterricht einfach fernbleiben. Wenig später entschieden Schulbehörden weltweit, dass die Klassenräume vorübergehend abzuschließen seien, wenn auch aus Sorge um Ansteckungsgefahren in der Pandemie.

Natürlich muss man als alternder Boomer – der zwangsläufig ein Beobachter wechselnder gesellschaftlicher und politischer Gefahren ist – die Frage stellen, warum die Generation, die sich mit apokalyptischer Verve als die letzte ihrer Art betrachtet, sich in Museen begibt und nicht etwa vor die Konzernzentralen der Autobauer in Wolfsburg oder Sindelfingen, wo die Emissionswerte nicht ganz so moderner Verbrenner eben noch trickreich kaschiert wurden, als handele es sich dabei um Simulationen einer Zeile aus Joni Mitchells Lied.

Ich habe den Verdacht, dass die Letzte Generation die Gemälde nicht touchieren will, um sie zu verletzen. Sie suchen sie vielmehr als Komplizen auf. Während Malerinnen und Maler, Musikerinnen und Musier sowie Dichterinnen und Dichter immer wieder in der Lage waren, die Welt in ihrer Schönheit, aber auch mit ihren verführerischen Zerstörungskräften zu bannen, sucht die Letzte Generation verzweifelt nach Bindung. Nicht weggehen, um anzukommen, ist ihre Devise, sondern Hierbleiben – um alles in der Welt.

Harry Nutt ist Autor.

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