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Der Star als Störfaktor

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Von: Harry Nutt

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Zurück auf Los: Cristiano Ronaldo.
Der portugiesische Fußballer Cristiano Ronaldo (37) hat Schwierigkeiten, einen neuen Verein zu finden.  © imago images/ZUMA Wire

In der Soziologie nennt man sie die „Überflüssigen“. Man findet diese Menschen nicht nur an den sozialen Rändern. Sondern auch dort, wo man sie keinesfalls vermuten würde. Die Kolumne.

Irgendwann erwischt es auch die ewigen Idole und ungekrönten Helden. Wobei Bezeichnungen wie Held, König und Idol auf die falsche Fährte locken. Der portugiesische Fußballer Cristiano Ronaldo (37), den jedes Kind als CR7 kennt, als sei es der Name für ein isotonisches Getränk, hat Schwierigkeiten, einen neuen Verein zu finden. Er, von dem viele meinten, er spiele in einer eigenen Liga, ist für die großen Klubs nur noch bedingt verwendungsfähig.

Klar, es gibt Angebote. Eins aus Saudi-Arabien mit über 125 Millionen Dollar Jahresgehalt soll Ronaldo höflich abgelehnt haben. Er wolle in der Champions-League spielen. Einem wie ihm geht es nicht um Geld, auch wenn sein Name schon mit komplizierten Steuerfragen in Verbindung gebracht worden ist.

Ein vernichtendes Urteil kam unlängst aus München. „Ich liebe Cristiano Ronaldo“, sagte der frühere Nationaltorhüter und heutige Manager des FC Bayern, Oliver Kahn, von dem geliebt zu werden auch als Bedrohung empfunden werden kann. Jeder Verein habe eine bestimmte Philosophie, so Kahn, „und ich bin mir nicht sicher, ob es das richtige Signal für den FC Bayern und die Bundesliga wäre, wenn wir ihn jetzt holen würden“. Nicht einmal die Bayern. Was ist nur aus dem Fußball geworden?

Natürlich könnte man jetzt kennerisch sagen, dass die alten Stars nicht mehr in die Spielsysteme ambitionierter Vereine passen. Spieler wie Ronaldo und Lewandowski, bei dem es so gerade noch mit einem Wechsel geklappt hat, bestehen darauf, dass die jeweilige Spielidee auf sie ausgerichtet wird.

Es fallen so hässliche Worte wie Gehaltsgefüge. Vom Abrutschen ins Fußballer-Prekariat kann also nicht die Rede sein. Die Vorgänge sind von Beratern und Anwälten umstellt. Was Kahn Philosophie nennt, ist für diese die Basis ihres Tuns, das mit dem Ich-Management des Stars abgeglichen wird. Aber irgendwas läuft schief. Weil im modernen Fußball alles zusammenlaufen und ineinandergreifen muss wie auf einem leistungsstarken Server, vermelden die Geräte angesichts der alten Effizienzbolzer Ronaldo und Lewandowski immer öfter System Bug Alert.

Ist das Schicksal des Portugiesen, der stets darauf geachtet hat, kein Gramm Fett zu viel zu sich zu nehmen, und seinen Mitspielern bei einer privaten Einladung ausschließlich Salat anbot, nicht längst ein Phänomen einer gesellschaftlichen Deklassierung? Die „Überflüssigen“, wie sie von Soziologen in aufrüttelnder Absicht genannt werden, befinden sich nicht mehr nur an den sozialen Rändern. Man findet sie auch im Kulturbetrieb, etwa unter Schauspielerinnen und Schauspielern, und in Geschäftsführungen aller Art. Sie wissen viel, können es elegant und unter Aufführung selten gesehener Kunststücke vortragen, aber passen meist nicht mehr in die betrieblichen Abläufe.

Sie stören, und ihr bevorstehender Abgang vollzieht sich immer weniger in den Maßstäben von Anstand und Würde. Das auf Anerkennung beruhende Senioritätsprinzip ist aus betrieblichen Gründen aufgehoben worden. Nicht einmal auf Mitleid kann einer wie CR7 hoffen. In der Welt, in der man zu anderen aufschaut, gibt es Alternativen. Wenn Ronaldo unbedingt weiter Fußball spielen will, kauft er sich halt einen Verein. Im Prekariat nebenan ist das schwieriger.

Harry Nutt ist Autor.

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