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Der Krieg in uns

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Von: Richard Meng

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Hilfe für die Ukraine – ja, dassind sich viele schnell einig. Doch wie soll die aussehen? Da teilen sich die Geister.
Hilfe für die Ukraine – ja, da sind sich viele schnell einig. Doch wie soll die aussehen? Da teilen sich die Geister – und es beginnt der Streit. © Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Der Konflikt in der Ukraine und die Debatte über die Antworten entzweit. Das ist auch eine neue Erfahrung, mit der so niemand gerechnet hat. Die Kolumne.

Früher war das klar. Fast alle im städtischen Milieu standen für das, was von rechts nun gerne als linker Mainstream angeklagt wird. Einig, wenn es gegen konservative Klischees ging. Gegen Diskriminierungen aller Art, gegen Kriegstreiberei, gegen altes Denken halt. Und jetzt? Es ist ziemlich anstrengend geworden. Unklar, was passieren wird, wenn ein Gespräch über Politik zustande kommt. Mit Corona hatte das begonnen, mit Putins Krieg geht es weiter.

Heute schon über die Ukraine gestritten? Wer auch nur dem Gedanken folgt, dass jede Konfrontation einen Vorlauf haben muss und zu verpassten Chancen immer zwei Seiten gehören, blickt schnell in Augen voller Unverständnis. Gar wer kritische Worte über den ukrainischen Präsidenten oder dessen brachialen Botschafter fallenlässt. Umgekehrt aber auch, wer findet, dass ein Öl- und Gasstopp unabhängig davon nötig ist, ob das in Russland etwas bewegt oder in Deutschland viel beschädigt.

Sie müssen nicht richtig sein, solche Einwürfe. Aber dass sich mit ihnen gleich die Welten trennen – zwischen Menschen, die einander moralisch gut zu kennen glaubten? So deutlich oft, dass der Schreck erst mal tief sitzt? Harmlos beginnende Gespräche werden unduldsam und laut, was immer ein Zeichen ist für höchste Anspannung und Berührtheit. Irgendwo im plötzlich so weiten Feld zwischen linkskonservativem Bestehen und kriegsemotionalem Umdenken.

Schon oft sind in Phasen von Zeitenwenderhetorik neue politische Spaltungslinien entstanden. Nach dem Hartz-IV-Schisma war die Linkspartei im Westen hochgekommen – erst in diesen Wochen, siehe Saar-Wahl, scheint es damit vorbei zu sein. Noch ist nicht erkennbar, ob sich mit ein paar Schockwochen Abstand das linke Spektrum wieder neu sortiert. Immerhin liefert die westliche Realpolitik in ihrer Abgewogenheit bislang noch nicht den Aufhänger dazu.

Klar ist: Die ewigen Russlandversteher sind wie vom Erdboden verschluckt. Es gibt da nichts mehr zu verstehen, gar zu entschuldigen. Die reale Debatte über die Zukunft aber ist noch nicht geführt. Es wird eine bleiben zwischen Idealismus und Realismus. Eine extrem bittere Debatte, soweit sie basieren wird auf der Erfahrung, dass es ein freies Selbstbestimmungsrecht der gesamten Ukraine nach diesem Krieg nicht mehr geben könnte.

Es wird auch eine Debatte darüber werden, wie stark die Zäsur das Denken und Fühlen in Europa verändern wird, verändern darf. Im Angesicht eines zähen, rein militärisch von keiner Seite dauerhaft gewinnbaren Krieges. Mit von Tag zu Tag schwerer aushaltbaren Bildern. Ein Krieg, in dem Schlimmstes noch bevorsteht. Begleitet von Alltagsbegegnungen mit Geflüchteten, die es unmöglich machen, nur abstrakt nachzudenken.

Eine Debatte aber auch, die Europa dringend braucht. Gesellschaftlichen Dialog über ethische Leitlinien, über Fehler und Umdenken, hoffentlich auch über Unverrückbares. Ein Gespräch über die Zukunft, ohne Rechthaberei. Was da Moral ist, was Vernunft, was Klugheit: Es wird verschiedene Antworten geben. Hoffentlich lassen die sich irgendwann anders besprechen als im diametralen Entweder-oder. Auch so gesehen geht es um aktive Friedensfähigkeit.

Nicht zuletzt das gibt es, wieder mal: Mundhalten aus Scheu vor Streit. Ein Reflex, nicht ungewöhnlich in Zeiten großer emotionaler Konflikte. Sich dann lieber treiben lassen. Hoffen, dass es für einen selbst nicht gar so schlimm werden wird, Gasrechnung hin oder her. Die Spuren des Krieges in uns selbst: Es sind auch sie eine neue Erfahrung. Noch eine, mit der so niemand gerechnet hat.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung

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