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Der Kardinalfehler

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Von: Michael Herl

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Wachstum. Wachstum. Wachstum. Egal mit welchen Folgen. Es ging uns einfach zu gut.
Wachstum. Wachstum. Wachstum. Egal mit welchen Folgen. Haben wir dazugelernt? (Archivbild 1998) © Andreas Gebhard/dpa

Bei allem, was wir in den vergangenen Jahrzehnten taten, waren wir überzeugt, dass alles immer besser wird. Verstanden haben wir den Ernst der Lage immer noch nicht. Die Kolumne.

Eigentlich wäre ja nun der rechte Zeitpunkt, schweißgebadet wach zu werden und sich langsam der Erkenntnis zuzugrübeln, dass alles nur ein böser Traum war. Dann tief durchzuatmen, die Äuglein zu öffnen und sich erleichtert darüber zu freuen, dass all das, was man da durchlebte, nicht echt war.

Dummerweise werden Träume aber manchmal wahr, und das ist nun leider der Fall. Es ist, wie es ist. Und nun? Schlimm? Ja. Aber wiedergutmachbar? Nein. Dazu waren wir in den vergangenen sieben Jahrzehnten zu bescheuert. Haben so ziemlich alles falsch gemacht, was falsch zu machen war. Unser Kardinalfehler: Bei allem, was wir taten, waren wir der festen Überzeugung, dass alles immer noch besser wird.

Wir gaukelten uns ein grenzenloses Wachstum vor und einen stetig steigenden Wohlstand. Beginnend bei null im Jahre 1945 wohnten wir von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer schöner, kleideten uns besser, aßen reichhaltiger, fuhren schneller, reisten weiter, arbeiteten weniger und urlaubten mehr, hatten mehr Frieden, mehr Rente, eine immer umfangreichere medizinische Umsorgung und ließen unseren Kindern eine immer bessere Bildung angedeihen.

Das gilt übrigens für hüben wie drüben, denn auch die DDR war einer der wohlhabendsten Staaten der Erde. Strafverschärfend kommt hinzu: Schuld waren wir alle. Nicht nur die Reichen und Gestopften, sondern ausnahmslos alle. Denn selbst die Ärmsten bei uns gehörten zu den Reichsten weltweit. So gut ging es uns.

Man wünscht sich nun, Sätze schreiben zu können, wie „Es kam, wie es kommen musste“ oder „Das Erwachen war bitter“ – Pustekuchen. Wir haben nämlich den Ernst der Lage nach wie vor nicht erkannt. Noch immer säuselt uns das Liedchen „Heile, heile Gänsje, es wird alles wieder gut“ durchs Hirn, noch immer fabulieren wir wie einst in den Nachkriegstrümmern von „Ärmel hochkrempeln“ oder dergleichen – allein, das wird nichts bringen. Nichts wird gut. Vor allem wird nichts mehr so, wie es einmal war. Da hilft es nicht, strunzdumm wieder Kreuzfahrten zu buchen, Elektroautos mit 350 PS zu kaufen, einige rappelige Atomkraftwerke länger laufen zu lassen oder trotzig Schnitzel in sich zu stopfen.

So lange sich eine Fußball-Nationalmannschaft dafür feiern lässt, die läppischen 300 Kilometer von Frankfurt nach Leipzig mit dem Zug gefahren zu sein (und dann noch eine Verspätung von elf Minuten überhaupt erwähnt), so lange die Industrie 350-PS-Schwachsinnselektromonster überhaupt herstellt (oder besser, sie herstellen darf, denn auf vernünftige Einsicht darf man dort nicht hoffen), so lange wir überhaupt auf die Idee kommen, Spritpreise zu hoch zu finden, so lange Menschen beschimpft werden, die sich aus Protest gegen den Autowahn von Brücken abseilen, so lange ein Tempolimit von 130 nicht als selbstverständlich gilt, so lange wir eine Raumtemperatur von 18 Grad für zu kalt empfinden und so lange die „Fridays“ belächelt werden, wenn sie für ihre Zukunft auf die Straße gehen, so lange brauchen wir gar nicht erst anzufangen, an eine Veränderung auch nur zu denken.

Dann brauchen wir uns übrigens auch nicht vor einem Krieg zu ängstigen. Denn so ein Atomschlägchen wird angesichts der Folgen des Klimawandels gar nicht mehr sonderlich ins Gewicht fallen.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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