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Der Charakterlose

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Von: Harry Nutt

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Der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew (l., 1906 auf heute ukrainischem Boden geboren), Polens Premier Wojciech Jaruzelski
Der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew (l., 1906 auf heute ukrainischem Boden geboren), Polens Premier Wojciech Jaruzelski. © Imago

Wladimir Putins Militär-Sprecher verkündet Propaganda, er interpretiert sie nicht. Damit erinnert er an Breschnew, an dem alles unüberwindbar schien. Die Kolumne.

Leonid, so nannten wir in unserer Volleyballmannschaft die Schaumstoffmatratze, die wir gelegentlich zu Übungen heranzogen. Das war bereits eine Zweckentfremdung, war sie doch dazu da, als weiche Hochsprungunterlage zu dienen. Für uns aber sollte sie, hochkant aufgerichtet, eine unüberwindliche Hürde am Netz darstellen. Was Trainer sich halt so einfallen lassen, um ihr Übungsrepertoire etwas abwechslungsreicher zu gestalten. Auf den Namen Leonid waren wir gekommen, weil uns die voluminöse Matte an Leonid Breschnew erinnerte, den ehemaligen Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU).

Alles an Breschnew erschien unüberwindbar. Der Gesichtsausdruck wirkte kantig, ein Kopf ohne Hals auf einem uniformierten Körper. Leonid Breschnew war zwischen 1964 und 1982 Generalsekretär der mächtigen Einheitspartei, von 1977 bis 1982 war er als Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets Staatsoberhaupt der UdSSR. Geboren wurde Breschnew in Kamenskoje, auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Das alles interessierte uns wenig, für uns war Breschnew das, wofür wir die Matratze einsetzten: ein starres Monument aus einer anderen Zeit.

An Leonid muss ich unweigerlich denken, wenn ich Igor Jewgenjewitsch Konaschenkow beim Verrichten seiner Arbeit sehe, der Präsentation von Informationen zu den militärischen Manövern der russischen Armee. Als Putins Militärsprecher tritt der hochdekorierte General nicht zuletzt als Orakel in Erscheinung. Während er hierzulande vor allem als Propagandist wahrgenommen wird, soll er, so nehmen wir jedenfalls an, russische Staatsbürger objektiv über den Verlauf des Spezialoperation genannten Krieges und dessen Erfolge informieren.

Meine Leonid-Assoziation wird vermutlich durch die Uniform ausgelöst; wie Breschnew agiert Igor Konaschenkow als eine Art staatlich bestelltes Verlautbarungsorgan, in dem die Objektivität der vorgetragenen Daten gewissermaßen körperlich eingeschrieben ist.

Konaschenkows Auftreten wird umgehend als Karikatur wahrgenommen, weil es selbst im Vergleich zu einer betont trockenen Präsentation von Nachrichten, für die in der ARD über viele Jahre Karl-Heinz Köpcke stand, einen grotesken Widerspruch darstellt. Köpcke war ein Mann vornehmer Eleganz, der noch in seiner Sprecherrolle Charme und Esprit versprühte.

Igor Konaschenkows Berufung indes scheint an die Bedingung eines weitgehenden Verzichts auf charakterliche Eigenheiten geknüpft. Die Botschaft wird verkündet, nicht interpretiert, performative Reduktion ist ihr hervorstechendes Merkmal.

Nichts deutet in dem Machtgefüge, das Konaschenkow repräsentiert, auf Kooperation und Spielräume des Gesagten hin. Undenkbar, dass hernach in aller Ausführlichkeit eine kommunikative Panne zum Gegenstand eines politischen Disputs wird wie beispielsweise nach einer Pressekonferenz im Berliner Kanzleramt zwischen Bundeskanzler Scholz und dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas im Anschluss an dessen skandalöse Relativierung des Holocausts. Es wäre müßig, den performativen Reichtum demokratischer Kräfteverhältnisse als Indiz einer Systemüberlegenheit ins Feld zu führen. Faszinierend ist vielmehr der beharrliche Verweis auf eine Differenz, das ganz andere der Welt, die er zu erklären vorgibt.

Harry Nutt ist Autor.

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