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Anlässlich des  jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschona will die Autorin säuerliche Apfel in Scheiben schneiden und in Honig tunken. Denn alles auf der Welt ist süß und sauer zugleich.
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Anlässlich des  jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschona will die Autorin säuerliche Apfel in Scheiben schneiden und in Honig tunken. Denn alles auf der Welt ist süß und sauer zugleich.

Kolumne

Der Beginn alles Lebendigen

  • Anetta Kahane
    VonAnetta Kahane
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Feiern, Bilanzziehen, eigene Fehler erkennen, ohne sich schuldig zu fühlen: Das kann ein Fest sein! Sein Name: Rosch Haschona. Die Kolumne.

Normalerweise esse ich selten Äpfel, deswegen gehören sie nicht zum üblichen Repertoire meiner Einkäufe. Doch nun beginnen die Hohen Feiertage mit dem jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschona. Dafür brauche ich unbedingt Äpfel, möglichst knackige, säuerliche. Ich werde sie dann in Scheiben schneiden und in Honig tunken. Denn alles auf der Welt ist süß und sauer zugleich, und genau deshalb schmeckt das Leben so gut.

Am Abend werde ich zu Freunden gehen und feiern. Wir werden ganz fabelhafte Sachen essen, diesmal Spezialitäten aus der chassidischen Küche Osteuropas. Jemand wird das Shofar blasen, dieses Horn, das klingt, als ob ein Schaf blökt. Ich freue mich darauf, denn da ist ein Raum voller Menschen, die mit mir den Beginn allen Lebens feiern, denn daran erinnert Rosch Haschona jedes Jahr.

Neues Jahr, neue Chance. Es beginnt die Zeit des Nachdenkens, des Zweifels daran, ob wirklich alles gut und richtig war, was jeder Mensch im vergangenen Jahr so entschieden oder getan hat. Denn ohne Nachdenken, ohne Zweifel – keine Möglichkeit, es jemals anders zu machen. Immer das Gleiche tun, aber etwas anderes erwarten, naja, das ist eben verrückt.

Deshalb machen die Juden das: Zwischen Rosch Haschona und Jom Kippur wird reflektiert und nachgedacht, wie man sich so verhalten hat. Dabei geht es nicht darum, sich schuldig zu fühlen, auch wenn das oft unvermeidlich ist, sondern aufzuräumen und neu anzufangen. Wenn man denn weiß, wo man falsch abgebogen ist oder Mist gebaut hat. Nicht Schuld zu fühlen ist das Ziel, sondern es besser zu machen. Das ist das Wichtigste.

In dieser Zeit frage ich mich, wo ich zu laut war oder zu leise, ob ich jemandem Unrecht getan habe oder was ich noch hätte tun können, um Menschen aus Afghanistan rauszuholen, ob ich zu viel oder doch zu wenig für meine Tochter gesorgt habe, wann ich zu Recht meine Wut zurückgehalten habe oder ob ich vielleicht doch eher einem Konflikt aus dem Weg gehen wollte. Wann war es Desinteresse an etwas, das mich hätte interessieren können, und wann war es einfach nur Erschöpfung, die mich gefangen hielt?

Jeden Moment meines Lebens, doch besonders zu Rosch Haschona tauchen diese Fragen auf. Ich kann sie gar nicht alle beantworten. Für viele dieser Fragen gibt es keine eindeutige Antwort, nur eine Art Kompass, an dem man sich orientieren muss. Zwar ist das nicht so leicht, aber so ist das Leben, oder nicht? Deshalb liebe ich diese Feiertage, die Art zu denken und Lösungen zu finden.

Manchmal frage ich mich ja auch, ob es gut ist, über das Jüdische zu erzählen, wegen des Antisemitismus. Aber vielleicht ist ja vieles daran auch Unkenntnis. Wenn die Leute mehr wüssten, denke ich, würden sie vielleicht Juden nicht so viel hassen. Oder sie tun es gerade deshalb.

Doch das Unbehagen am Jüdischen kommt ja nicht aus Unwissenheit, sondern aus dem Bauch des Hasses und des Neides, der Verneinung eines Lebens mit so vielen Fragen. Die Juden als das Böse in der Welt – diese Denkweise ist so klein, so gefährlich und beschränkt auf fatale Weise das Leben.

Rosch Haschona, der Beginn des Lebendigen, fängt gleich an. Und ich habe bei all dem Nachdenken und Schreiben noch immer keine Äpfel! Hach. Jetzt aber los.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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