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Der ausgebrannte Bus als Symbol

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Von: Harry Nutt

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Das aus drei aufrecht aufgestellten, ausrangierten Linienbussen bestehende Kunstwerk „Monument“ des syrischen Künstlers Manaf Halbouni auf dem Neumarkt in Dresden.
Das aus drei aufrecht aufgestellten, ausrangierten Linienbussen bestehende Kunstwerk „Monument“ des syrischen Künstlers Manaf Halbouni auf dem Neumarkt in Dresden. © Sebastian Kahnert/dpa (Archiv)

Ein Fahrzeug wird an drei Orten unterschiedlich gesehen. Gleich ist, dass es vielen darum geht, das eigene Weltbild zu erhalten. Die Kolumne.

Als der in Damaskus geborene deutsch-syrische Künstler Manaf Halbouni seine spektakuläre Skulptur „Monument“ im Februar 2017 vor der Dresdner Frauenkirche errichtete, wurde das umgehend als politische Provokation aufgefasst. Konservative und der Pegida-Bewegung nahestehende Dresdner sahen darin eine Störung des Gedenkens an die Bombardierung der Stadt im Februar 1945. Seit geraumer Zeit gilt Dresden als ideologisch aufgeladenes Geschichtszeichen, das für das Leid der Deutschen in dem von ihnen verursachten 2. Weltkrieg steht.

Die von Halbouni aktualisierte Assoziationskette liegt offen zutage. Bombardierung, Barrikade, Verschanzung – die senkrecht aufgestellten Busse aus der syrischen Trümmerstadt Aleppo schienen zu signalisieren, dass kriegerische Zerstörung kein singuläres Ereignis sei. Manaf Halbouni war sich der mehrfachen Kodierung seines Werkes durchaus bewusst. Als Sohn einer Dresdenerin weiß er um die traumatische Gegenwart der brennenden Elbmetropole in den letzten Kriegstagen.

Seine Bus-Installation indes wirkte wie ein aktueller Kommentar zu der Tatsache, dass die Verheerungen in seinem Geburtsland Syrien hierzulande bevorzugt als Geschehen in einem fernen Land wahrgenommen wurden. Eine Katastrophe mit Zuschauenden. Kaum jemand sprach zu dieser Zeit von Putins Krieg, obwohl der Anteil des russischen Präsidenten an der Urheberschaft der Tötungsmaschinerie nicht zu bestreiten war.

Mehr noch als ein Zeugnis des Krieges war das „Monument“ eines des Widerstands. Die funktionslos gewordenen Überbleibsel des öffentlichen Nahverkehrs einer einst belebten Stadt im Nahen Osten dienten der Bevölkerung als temporärer Schutz und prekäre Zuflucht.

Man schien schon geneigt, die Metamorphosen von Halbounis Werk als Kapitel der jüngeren Kunstgeschichte zu betrachten. Nach den Protesten in Dresden entschloss sich Shermin Langhoff, die Intendantin des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, die Busse im Rahmen des 3. Berliner Herbstsalons, einer Kunstschau des Theaters, auf dem Platz des 18. März, unweit des Brandenburger Tores, erneut aufzustellen.

Nach den Auseinandersetzungen in Dresden aber hatten sie ihren provokanten Schwung weitgehend verloren. Berliner Gelassenheit? Ignoranz? Wenig später poppte noch eine Debatte darüber auf, ob die Busse seinerzeit in Aleppo von der syrischen Terrororganisation Ahrar al-Sham aufgestellt worden seien, sich also mitnichten als Symbol des zivilen Widerstands eigneten.

In der immer noch nachwirkenden Silvesternacht hat das Verkehrsmittel eine weitere Bedeutungsfacette erhalten. In Berlin-Neukölln steht ein ausgebrannter Bus nunmehr als vieldeutiges Zeichen am Straßenrand. Es verweist auf blinde Zerstörungswut ebenso wie auf die Triumphgesten junger Männer, für die niedergebrannte Fahrzeuge in ihren Herkunftsländern zum Alltag gehören.

In den eilig zusammengesuchten Erklärungen ist von Traumata die Rede, aber auch von der Angst von Re-Traumatisierung. Die Silvester-Knallerei, so ein Soziologe, könne bei Menschen, die Krieg und Zerstörung in ihren Herkunftsländern erlebt haben, schlimmste Erinnerungen wecken. Die nun als Täter stigmatisierten Migranten, so seine Lesart, seien in Wahrheit auch Opfer.

Also beginnt das neue Jahr, wie das alte aufgehört hat. Pauschalisierung, Relativierung, Pädagogisierung. Im Grunde sei die Jugend noch nie so friedlich gewesen wie in unseren Tagen, bemerkt etwa ein Migrationsforscher. Ein paar Schritte vor und zurück in Argumentgewittern.

Am Beispiel des zerstörten Busses und den Erklärungen, wie es dazu kam, ließe sich auch ablesen, wie sehr die soziale Wirklichkeit von dem jeweiligen Bedürfnis geleitet wird, das eigene Weltbild und die mühsam erworbenen Deutungsmuster zu erhalten.

Harry Nutt ist Autor.

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