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Der alte Blick

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Von: Richard Meng

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Mit Panzern und Militärfahrzeugen dringt russisches Militär in die Ukraine vor.
Mit Panzern und Militärfahrzeugen dringt russisches Militär in die Ukraine vor. © Stringer/AFP

Spätestens jetzt ist das alte, falsche Denken zurück – mit einem aggressiv gewordenen Russland als Treiber. Die Kolumne.

Auch hilfloses Zusehen kann zerstören, nämlich Hoffnung. Warten auf den nächsten Kriegstag – so wird das jetzt sein. Der eiskalte Potentat in Moskau macht deutlich, wie absurd schief die Ebene geworden ist, auf der sich die Ost-West-Politik zuletzt noch bewegt hat. Gemessen an den Hoffnungen nach dem Zusammenbruch der alten bipolaren Weltordnung vor über 30 Jahren ist das ein Desaster. Aber in Stunden des Leidens ist es besonders schwer, überhaupt noch in langen Linien zu denken.

Spätestens jetzt ist das alte, falsche Denken zurück – mit einem aggressiv gewordenen Russland als Treiber. Zugleich aber mit einem demokratischen Westen, der seit Monaten wirkt wie in Gefangenschaft seiner zu einfachen Erwartungen auf Vernunft. Wo nun diejenigen wieder besonders laut werden, die es immer schon gewusst haben wollen. Die in einer Mischung aus alten militärischen und neuen moralischen Argumenten dem Entweder-oder das Wort reden.

Die Politik des Westens lief nach 1990 darauf hinaus, den Menschen im Osten Europas die Hoffnung zu geben, dass sie bald Teil dieses Westens werden könnten, in jeder Hinsicht und damit auch militärisch. Die Illusion dahinter war: Irgendwann wird auch Russland sein wie der Westen. Dort aber kam die Restauration des Autoritären. Und Russlands Nachbarn? Der ukrainische Präsident hat in München gerade noch einmal gesagt, „Puffer“ zu sein, lehne er ab.

Was wir da erleben, ist die Wirkung eines polarisierten und deshalb falschen Blicks auf Europa. Von Moskau aus nun schon seit Jahren. Manchmal würde der Blick auf die Landkarte helfen: Es gibt im Osten kein natürliches Ende, keinen großen Ozean wie beiderseits des amerikanischen Kontinents. Es gibt also auch keine strikte Trennungslinie. Nur Putin will solch eine einrichten.

Denken in Trennungslinien abzulehnen, hat nichts mit „Puffer“ zu tun, sondern mit Rationalität und Vernunft. In einem friedlichen Osten, falls dessen Gesellschaften eines Tages wieder selbst entscheiden können, muss es immer von Land zu Land Abschichtungen geben. Schrittweise Übergänge, kulturelle wie wirtschaftliche. Es wird, zumal angesichts der vielen ethnischen Minderheiten, das Zusammenleben über Kulturgrenzen hinweg zur Staatsräson zählen müssen. Es werden auch dort statt des wiederkehrenden Nationalismus die Staatsgrenzen an Bedeutung verlieren müssen.

Genau deshalb geht auf Dauer keine Entweder-oder-Mentalität. Es muss ein Dazwischen geben. Friedlich verbunden in alle Richtungen. In demokratischer Selbstbestimmung und Rücksicht auf die jeweiligen Minderheiten. Aber Brücken bauend statt allseitiger Unversöhnlichkeit, statt der Rückkehr des militärischen Denkens. Ja, das war ab 1990 die eigentliche Aufgabe gewesen. Ja, das bleibt sie auch nach der jetzigen Katastrophe.

Es ist heute so mühsam, noch für diesen rationalen Blick zu werben, weil der Krieg real ist und sich die Eskalationsspirale schon so lange drehte. Es ist so schwer, weil vieler Denken immer geprägt blieb durch die alte Trennungslinie mitten in Europa.

Bei Putin und den ihn tragenden Profiteuren seiner Macht gepaart mit brutaler Verachtung demokratischer Humanität. Aus westlicher Sicht belastet durch einen Mangel an echtem kulturellem Interesse für die Welt hinter dieser alten Linie. Reduziert auf die Erwartung, dass am Ende sowieso alle so sein werden wie man selbst.

Die Zeichen sind deutlich, doch niemand sieht mehr Wege: So ist es immer, wenn Kriege beginnen. Die zentrale Zukunftsfrage, die nie verschwinden wird, bleibt aber die nach der Gestaltung von Frieden – in Verschiedenheit.

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