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Den Abflug verpasst

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Von: Manfred Niekisch

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Weil es in Deutschland so „schön“ warm geworden ist, mag der Waldrapp zum Winter hin nicht mehr in den Süden ziehen.
Weil es in Deutschland so „schön“ warm geworden ist, mag der Waldrapp zum Winter hin nicht mehr in den Süden ziehen. © Felix Kästle/dpa

Heizstrahler zum Draußensitzen zeugen von Unverfrorenheit. Derweil sorgt der Klimawandel dafür, dass Waldrappen über die Alpen geschleppt werden müssen. Die Kolumne

Advent ist das falsche Wort, wenn es um die Zugvögel geht. Denn bei denen geht es jetzt nicht um die Ankunft, wie sie die Christen verstehen. Es geht um den Abflug, und das Richtung Süden. Doch mit dem gibt es Probleme.

Ein trügerisch warmer Herbst hat einen verlängerten Sommer vorgegaukelt. Eigentlich noch nicht einmal vorgegaukelt, sondern ganz offen gestaltet. Das war gut für die bis vor kurzem von Pandemie-Beschränkungen gebeutelten Gastronomiebetriebe, vor allem die Eisdielen, die ihre Tische und Stühle ungewöhnlich lange im Außenbereich, in den Fußgängerzonen betreiben konnten. Man genoss es auch ohne zu grübeln, ob es eigentlich eine gendergerechte Bezeichnung für Bürgersteig und Fußgängerzone gibt.

So mediterran da das Lebensgefühl auch gewesen sein mag, nun kippt die Stimmung in Richtung Klimaschädlichkeit mit all den gasbetriebenen Heizpilzen und elektrischen Wärmestrahlern, die das Draußensitzen bis in die (Vor-)Weihnachtszeit ermöglichen sollen. Da rückt das Wort vom Energiesparen doch weit in den Hintergrund. Wer sich da wohlig räkelt, darf sich allerdings fragen, ob das nicht eine – selten passte das Wort besser! – Unverfrorenheit ist gegenüber all den Menschen, denen in der Ukraine der Mangel an Licht und Wärme das Leben ungeheuer schwer macht, ja bedroht.

Im Übrigen ist die Atmosphäre bekanntermaßen schon ohne diese künstlichen Sonnen aufgeheizt genug, so sehr, dass manche Zugvögel gar nicht auf die Idee kommen, ihrem Namen alle Ehre zu machen und tatsächlich zu ziehen. Zehntausende von Gänsen und Kranichen knubbeln sich im deutschen Norden an den Plätzen, wo sie sich natürlicherweise zum Weiterflug sammeln, aber erst einmal nicht starten. Da kann man nichts machen als abwarten, wie es nun weitergeht.

Dagegen widerfährt von all den Zugvögeln dem Waldrapp eine ganz besondere Anteilnahme. Nachdem der Waldrapp vor Jahrhunderten ausgerottet worden war, wurde er in seinem früheren mitteleuropäischen Brutgebiet am Nordrand der Alpen mit großem Aufwand wieder angesiedelt. Wie sich ein Zugvogel zu verhalten hat und wohin er vor dem Winter fliehen soll, musste den ahnungslosen Vögeln erst einmal antrainiert werden. Leichtflugzeuge begleiteten sie auf die richtigen Wege. Schließlich konnte sich die ornithologische Fangemeinde an den erzielten Erfolgen freuen.

Doch aktuell weigern sich die Individuen dieser wiedererstarkten Population, jahreszeitenkonform gen Süden zu ziehen. Deswegen sollen sie nun sozusagen manuell über die Alpen geschafft werden in der Hoffnung, dass die ortskundigen Altvögel mit ihren Jungen im Schlepptau von dort ihren Weg ins Überwinterungsgebiet in der Toskana alleine finden. Ob die unerfahrenen Jungvögel dann auch wieder den Weg zurück nach Süddeutschland finden, weiß niemand.

Man mag jammern, dass wir in diesen schwierigen Zeiten doch wirklich größere Probleme haben als das Zugverhalten von ein paar kahlköpfigen, wenngleich seltenen Vögeln. Stimmt. Aber es ist schon erstaunlich, welche Facetten uns der Klimawandel offenbart. Es werden immer mehr.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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