Nahostkonflikt

Dein Land, mein Land, unser Land

  • Inge Günther
    vonInge Günther
    schließen

Es wäre nicht schlecht, mal wieder den berühmten Protestsong von Woodie Guthrie zu hören – auch im Nahen Osten. Die Kolumne.

Drei Akkorde und die Wahrheit“ – das sei alles, hat Woody Guthrie mal gesagt, was einen guten Protestsong ausmache. Sein berühmtester ist mit Abstand „This Land is Your Land, this Land is My Land“. Vor 80 Jahren hat Guthrie, die US-amerikanische Folklegende, das Stück in New York geschrieben. Aber noch heute kennt (fast) jeder die Melodie und die ersten Textzeilen. Nicht nur in den USA, wo der Guthrie-Song zur alternativen Nationalhymne aufgestiegen ist.

Richtig bekannt gemacht hat das Lied, das von der Schönheit, aber auch von Armut und Unrecht im Lande handelt, allerdings Pete Seeger. Es war ein Gänsehaut-Moment, als er, schon weißbärtig, den linken Evergreen zusammen mit Bruce Springsteen bei der Inauguration Barack Obamas anstimmte. Nicht von ungefähr. Der Song hat schließlich bereits die frühe Black-Lives-Matter-Bewegung angefeuert, als niemand ahnte, dass eines Tages ein Flachmann wie Donald Trump ins Weiße Haus einziehen würde.

Seit Generationen geht der Song um die Welt. Vielfach variiert – selbst eine chinesische Version soll es geben –, oft genug vereinnahmt für Zwecke, die den sozialkritischen Text ins Gegenteil verkehrten. Ultrarechte Tea-Party-Aktivisten etwa modelten ihn für ihre Kampagne „I want my country back“ (Ich will mein Land zurück) um. Sie hatte Woody Guthrie, Kommunist ohne Parteibuch, nun sicher nicht gemeint, als er unter dem Copyright des Songs launig vermerkte. „Wer sich erwischen lässt, ihn ohne unsere Erlaubnis zu singen, wird schon ein ziemlich guter Freund von uns sein.“

Fehlte bloß noch, dass israelische Westbank-Siedler den Guthrie-Hit verhunzen, um Stimmung für die Annexionspläne von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zu machen. Aber um den nationalreligiösen Jubelchor, der großen Gefallen an Trumps „Jahrhundert-Deal“ findet – jedenfalls soweit der ein knappes Drittel des Westjordanlandes mal eben so den Palästinensern abknapst – ist es stiller geworden.

Und das nicht nur, weil sich in Corona-Zeiten gemeinschaftliche Gesänge verbieten. Tatsächlich scheint dem israelischen Regierungschef die Lust aufs schnelle Annektieren vergangen zu sein, angesichts der roten Stoppschilder allenthalben. Ob in Amman oder Kairo, Paris, London oder Berlin – unisono wird gewarnt, beim mutwilligen Nichtbeachten internationalen Rechts jede Chance auf Friedensverhandlungen plattzumachen. Dass Joe Biden, US-Präsident in spe, Ähnliches signalisiert, dürfte Netanjahu erst recht ausgebremst haben.

Nur, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Schon deshalb wäre es fatal, wenn man sich in der Erleichterung darüber, dass aus den Annexionsfantasien der Groß-Israel-Anhänger vorerst nichts wird, mit der seit über einem halben Jahrhundert real existierenden Besatzung als dem geringeren Übel abfände. Mit ein paar Protestnoten und der halben Wahrheit, die weglässt, wie das israelische Besiedlungsprojekt eine Zwei-Staaten-Lösung vorsätzlich verbaut, ist es eben nicht getan.

Kein Wunder, dass die Stimmen jener lauter werden, die wie der israelisch-deutsche Philosophieprofessor Omri Boehm oder die bi-nationale Initiative „Zwei Staaten, eine Heimat“ für eine jüdisch-arabische Konföderation plädieren. Sozusagen in freier Anlehnung an den Guthrie-Song: „This Land is Your Land, this Land is My Land“.

Zu utopisch? Mag sein. Aber was, bitte sehr, ist denn noch realistisch, um den vermaledeiten Nahostkonflikt zu beenden?

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare