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Das schöne Wetter

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Von: Manfred Niekisch

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Ein Badegast springt im Gegenlicht der Sonne vom 10-Meter-Turm in einem Freibad.
Ein Badegast springt im Gegenlicht der Sonne vom 10-Meter-Turm in einem Freibad. (Archiv) © Friso Gentsch/dpa

Hitze und Sonnenschein verursachen große Probleme. Trotzdem helfen sie uns über trübe Gedanken hinweg und vermitteln Urlaubsgefühle. Die Kolumne.

Fast mag man nicht mehr von schönem Wetter reden. Obwohl es schon so schön ist, dass sich deutsche Fußgängerzonen denen im Süden Europas annähern, Eisdielen immer mehr Anteile an den Bürgersteigen der Innenstädte erobern und den Bummelantinnen und Bummelanten auf Shoppingtour etwas Vorurlaubsgefühl vermitteln.

Es darf vermutet werden, dass die Sonnenschirmindustrie sich derzeit in Deutschland in einem Allzeithoch befindet. Sonnenschein und hochsommerliche Temperaturen bewirken eine angenehme Mediterranisierung unserer Städte und Lebensweisen von den Alpen bis zur Küste.

All das wäre sehr schön, gäbe es da nicht die anderen Phänomene, die dem gleichen Sonnenschein und den gleichen Celsiusgraden anzulasten sind. Waldbrände, welche die Feuerwehren zunehmend vor große Herausforderungen stellen, Ernteausfälle, die nicht nur den Produktionsbetrieben Sorgen bereiten, sondern den gesamten Lieferketten der Nahrungsmittel und damit auch denen, die letztendlich an den Ladenkassen den Geldbeutel zücken müssen.

Gemeinden rufen dazu auf, Trinkwasser bevorzugt nur seinem Namen gemäß zu verwenden und nicht zum Autowaschen, Rasen wässern oder Befüllen des Swimmingpools, wobei gerade Letzteres zur Erfrischung aufgeheizter Körper besonders angenehm wäre. Zumal dieses sogenannte schöne Wetter die Anzahl von Kreislaufkollapsen in die Höhe schnellen lässt.

Es wäre spannend zu erfahren, ob ein Waldbesitzer in Brandenburg oder eine Bäuerin in Franken die derzeitige Sommerhitze mit dem aus den letzten Jahren aufgelaufenen Wasserdefizit in den Böden und in der Vegetation auch als schönes Wetter titulieren würde.

Es kann kaum trösten, dass wir nicht allein sind. Ein Blick über die Grenzen zeigt, dass es anderen Ländern ganz ähnlich ergeht. Wohl kein Italiener der Jetztzeit hat in seinem bisherigen Leben den Fluss Po mit so niedrigem Wasserstand erlebt. Das Wasser in norditalienischen Regionen wird rationiert. Ein Bürgermeister aus der Nähe von Bologna hat sogar verfügt, dass die parrucchieri, die Friseure, die eingeseiften Köpfe ihrer Kundinnen und Kunden nur einmal spülen dürfen.

Apropos spülen, da fiele einem auch noch anderes ein, wo und wie man Trinkwasser sparen könnte. Der frühzeitige Mahner und Aufklärer Hoimar von Ditfurth fragte schon vor rund fünf Jahrzehnten, was Beduinen in den Wüsten Nordafrikas wohl denken würden, wenn sie erführen, dass wir jedes Mal zehn Liter Trinkwasser nutzen, um unsere Notdurft wegzuspülen.

Und dann gibt es da noch das genau entgegengesetzte Problem zur Dürre, nämlich die Starkregen, sozusagen die Kehrseite der sonnigen Aspekte des Klimawandels. Vor knapp einem Jahr haben sie uns besonders im Ahrtal dramatisch vor Augen geführt, wie immens die Folgen sein können. Die Schäden an Hab und Gut, an Leib und Seele sind noch lange nicht Vergangenheit.

Immerhin hellt das derzeitige sonnige Wetter die bedrückenden Gedanken über bedrohliche Fluten, Pandemie und Putins Krieg ein bisschen auf. Im grauen prasselnden Regen ertragen viele das noch schwerer. Dass der hochtemperierte Sonnenschein trotz seiner negativen Folgen als „schönes Wetter“ gilt, erklärt sich leicht bei einem gelato unterm Sonnenschirm.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Direktor des Frankfurter Zoos.

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