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Das Land meiner Nichte

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Von: Anetta Kahane

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21. Januar 2023 in Tel Aviv:  Demonstration gegen die neue rechtsgerichtete Regierung Israels.
21. Januar 2023 in Tel Aviv: Demonstration gegen die neue rechtsgerichtete Regierung Israels. © Ilia Yefimovich/dpa

Das Bild von Israelis und Palästinensern ist hierzulande grob geschnitzt. Es ist absurd, wenn man weiß, wie divers das Land wirklich ist. Die Kolumne.

Am Samstag fand die zweite große Demonstration gegen die rechte Regierung in Israel statt. Meine Nichte lebt in Israel. Sie war dabei und hat mir davon erzählt.

Mehr als 130 000 Menschen waren auf den Straßen von Tel Aviv, Jerusalem und anderen Städten. Trotz der Empörung darüber, dass die neue Regierung versuchen würde, das Rechtssystem, das höchste Gut des Judentums, der Demokratie und des Staates außer Kraft zu setzen, war die Stimmung friedlich.

Meine Nichte meinte, anders als in Deutschland gebe es keinen Hass oder Wut auf „die da oben“. Denn die Leute sehen Israel als ihre ganz persönliche Angelegenheit, ihre Idee, ihre Entscheidung, ihre Entwicklung. Den Rechtsstaat, den Kibbutz, die Vielfalt und alles, was Israel ausmacht, wollen sich die Demonstrant:innen nicht von Netanjahu und seiner rechten Truppe aus der Hand nehmen lassen, sagt meine kluge Nichte.

Doch warum wurde diese Regierung dann gewählt? Nach Trumpismus, Rassismus und Angriffen auf rechtsstaatliche Institutionen in verschiedenen Ländern waren auch in Israel die Rechten und rechten Religiösen in Goldgräberstimmung. Der Angriff auf den Obersten Gerichtshof zeigt, dass sie nun außer Rand und Band sind. Und das will nicht einmal mehr die Hälfte der Likud-Wähler:innen dulden. Auch sie waren auf der Demo.

Israel hat so viele Themen und Konflikte, an denen ein Land wie Deutschland längst zerbrochen wäre. Wenn in relativ ruhigen Fahrwassern die AfD schon bei über 30 Prozent in Teilen Ostdeutschlands liegt, wie wäre es dann, gäbe es die Gefahr ständiger Raketenangriffe oder Selbstmordattentate? Die Israelis vertrauen deshalb niemandem mehr, also wählen sie weiter Netanjahu. Und der hat aus dem ewigen Sicherheitsdilemma Kapital geschlagen.

Nach der Wahl dieser Regierung hatte ich den Eindruck, dass sich in Deutschland verschiedene rechte und linke Milieus darüber vor Häme auf die Schenkel klopfen. Jetzt sehe man es deutlich: Israel ist und war rechtsextrem.

Für traditionelle Israelhasser:innen braucht es keine liberale, moderate oder linksgerichtete Regierung. Es braucht keine Gesprächsbereitschaft über den Konflikt. Schon gar nicht von Seiten der Fatah oder Hamas. Das einzige, was antiisraelische Ideolog:innen brauchen, ist das hässliche Gesicht einer rechts-religiösen Regierung. Eine solche Haltung ist antisemitisch, unpolitisch und gleichgültig.

Sie zeugt weder von Interesse an den Israelis noch an den Palästinensern. Sie zeugt davon, wie diejenigen ticken, die sich jetzt rechthaberisch freuen.

Das Bild von Israelis und das der Palästinenser ist in den Medien hierzulande eher grob geschnitzt. Während überall auf differenzierte Darstellung geachtet wird, geschieht das bei Israel nicht. Im verzerrten Bild sind Israelis meistens orthodoxe Männer oder militante Siedler.

Das ist besonders absurd, wenn man weiß, wie divers Israel wirklich ist. Auch das Bild von den Palästinensern ist sehr starr. Sie sind keine Personen mit eigenen Wünschen und Konflikten. Alles, was ihnen geschieht, liegt an Israel. Sie sind die Opfer der Juden und sonst nichts.

Das aber hilft nicht dabei, Rassismus zu bekämpfen, weder in Deutschland noch in Israel. Ich bin froh, dass diese riesigen Demos endlich stattfinden. Was wäre ich gern dabei. Mit meiner wunderbaren Nichte.

Anetta Kahane war Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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