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Das Impfbuch macht sentimental.
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Das Impfbuch macht sentimental.

Kolumne

Das Impfbuch

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Nach und nach kramen die Menschen in der Pandemie das gelbe Heftchen hervor. Manche werden dabei sentimental, andere kriminell. Die Kolumne.

Die Funktionstüchtigkeit der deutschen Bürokratie, die zuletzt vielfach bestritten worden ist, kann sich insbesondere auch auf die Akkuratesse seiner Bürgerinnen und Bürger stützen. Ich war selbst verblüfft, dass ich das gelbe, von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebene Impfbuch ohne verzweifelte Suchbemühungen auf Anhieb wiederfand.

Dabei gehörte es bislang nicht zu jenen Dokumenten, die als identitätsbildend galten. Im Mittelpunkt dieser Dokumente steht vielmehr das Familienbuch, das Geburts-, aber auch Heiratsurkunde enthält –, wenn man denn überhaupt in den Bund der Ehe eingetreten ist. Wie ich unlängst nach dem Tod meiner Mutter gewahr wurde, spielt etwa die bald 70 Jahre zuvor ausgestellte Heiratsurkunde noch im Sterbefall eine hervorgehobene Rolle. Besser, man hat alles beieinander. Zumindest die Nachkommen werden dankbar sein für den Ordnungssinn als letzten Gruß.

Aber das Impfbuch? Ich blätterte sogleich sentimental hinein und war verblüfft, wie genau ich mich noch an die einzelnen Impfsituationen zu erinnern vermochte – nicht jedoch an eine dort verzeichnete Wiederimpfung im März 1976. Da ich zu jenem Zeitpunkt noch nicht volljährig war, schien ich mich für die gesundheitspolitische Vorsorge nicht vollends zuständig gefühlt zu haben. Für die Generation meiner Eltern war, anders als für viele heutige Eltern, die Impfung Selbstverständlichkeit. „Schluckimpfung ist süß“, lautete in den 60er Jahren ein volkspädagogischer Slogan, „Kinderlähmung ist grausam.“ So sollte man eingestimmt werden auf eine gesundheitspolitische Freiwilligkeit, mit der man größere Gefahren einzudämmen bemüht war.

Zwei Jahre später, verrät mir mein Impfbuch, war ich mir meiner Verantwortung vollumfänglich bewusst. Hinsichtlich der dort eingetragenen Termine zur Impfung gegen Tetanus erinnere ich mich sehr genau. Die Impfung musste nachgewiesen werden, weil ich kurz zuvor, im November 1978, den zivilen Ersatzdienst, wie es damals hieß, beim Malteser Hilfsdienst angetreten hatte.

Jetzt also der Eintrag: „Covid-19 Vaccine (Astrazeneca)“. Aus meinem Impfbuch erfuhr ich auch den Namen der Ärztin. In der Impfkabine hatte ich ihn nicht verstanden, oder hatte sie sich gar nicht vorgestellt?

Als ich vom geräumigen Parkplatz des Tempelhofer Feldes fuhr, war ich seltsam gerührt von der freundlichen Behandlung und dem reibungslosen Ablauf, die mir dort widerfahren waren. Getrübt wird die Wahrnehmung über die zähen, nun aber doch langsam voranschreitenden Impffortschritte, die weit intensiver als die Pocken- und Polioimpfung in den 60er Jahren als nationale Aufgabe verstanden werden, durch die unlängst bekanntgewordenen Fälschungsversuche.

Das gelbe Impfbuch, das ich eben noch mit nostalgischer Rührung aufgeschlagen hatte, ist über Nacht zum bevorzugten Gegenstand krimineller Täuschungsaktivitäten geworden. Was beinahe unberührt über Jahrzehnte in meinem nahezu ungenutztem Bisley-Container schlummerte, könnte bald zum Gradmesser individueller Freiheit werden. Hinter dem leuchtenden Gelb ist, so sage ich es mir, nicht nur meine spärliche Erinnerung aufbewahrt. Fast scheint es, als sei das Impfbuch ein letztes Kleinod, ehe die Herrschaft der Apps übernimmt.

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