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Lwiw – das Herz Europas

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Von: Anetta Kahane

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Aussichtspunkt in der westukrainischen Stadt Lwiw, vor dem Angriff Russlands.
Aussichtspunkt in der westukrainischen Stadt Lwiw, vor dem Angriff Russlands. © Bernat Armangue/dpa

Lwiw ist die Stadt der Kunst, der Poesie und der Musik. Zugleich spürte man dort schon vor Jahren die Gewalt und das Blut eines ganzen Jahrhunderts. Die Kolumne.

Lwiw sieht aus wie Prag oder Wien, nur kleiner, kompakter, weniger pompös. Erst als ich damals dort war, verstand ich, dass hier das Herz Europas schlug. Die Stadt war auf die gleiche Weise kosmopolitisch wie andere aus dem Erbe von Österreich-Ungarn. Viel Bewegung, viele Sprachen, viele Menschen, viele Juden. Czernowitz war die Stadt der großen deutschsprachige Künstlerinnen und Künstler. Theater, Poesie, Musik, viele berühmte Autorinnen und Autoren lebten hier.

Meine Großeltern wuchsen dort auf, mein Großvater in Iwano-Frankiwsk und meine Großmutter in dem Dorf Perehinske bei Czernowitz. Als ich damals hinfuhr, um diese Orte zu sehen, traf mich ein heftiger Schmerz über all die Verluste, die dort spürbar waren. Bloodlands – so wie der Titel des Buches von Timothy Snyder, Blutland überall.

Ukraine: Zerstörung ist bis heute präsent

Das Blut der erschlagenen Juden, das Blut der Kriegsopfer, die Hungertoten, die Deportationen. Durch die Zeiten hindurch, das ganze Jahrhundert, Gewalt und Blut. Angerichtet von den Deutschen, den Russen, den Sowjets und ihren ukrainischen Helfern. Die gab es auch.

Als ich dort war, fehlten den Städten die Menschen, die sie geprägt hatten. Hier hatte sich das Zentrum der jüdischen Kultur befunden. Bis zur Shoa lebten Millionen Juden in der Region. Nur wenige haben überlebt, noch weniger sind dort geblieben.

Die Zerstörung ist bis heute präsent. Aber auch der Aufbruch derer, die jetzt dort leben. Auf den großen Plätzen sah ich damals schon Autokorsos mit riesigen Europafahnen. Die Leute sagten immer wieder, sie seien Europäer, sie wollen Demokratie und sie wollen in die Europäische Union. Wo immer wir mit Leuten sprachen, weigerten sie sich, auf Russisch zu reden. Lieber Englisch mit Mühe als Russisch, die Sprache der einstigen Sowjetunion und dann die Sprache der permanenten Bedrohung. Das war 2008, also gut sechs Jahre vor der Annexion der Krim.

Nicht Putins Krieg: Mehrzahl der Russinnen und Russen unterstützt Angriff auf die Ukraine

Es ist nicht Putins Krieg, so wie es auch nicht Hitlers Krieg war. Russland und die Mehrzahl der Russinnen und Russen unterstützen den barbarischen Angriff auf die Ukraine. Dafür kann es kein Verständnis geben, und das Staatsfernsehen, Brainwash oder Propaganda sind keine Entschuldigung.

Mich erinnert das an damals, als man besonders in der DDR über den Nationalsozialismus gern als „Hitlerfaschismus“ sprach und die „verführten Massen“. Damit ließ sich die Mittäterschaft der Deutschen gut wegschummeln. Deshalb wundert es mich wenig, dass gerade diejenigen, die sich mit der Shoa und den Folgen des deutschen Vernichtungskrieges nicht wirklich auseinandersetzen wollen oder es nie mussten, heute Russland beistehen.

Mag sein, dass Russland keine demokratische, sondern nur zaristische, stalinistische oder autoritäre Traditionen hat und die Russinnen und Russen auch deshalb heute wenig Widerstand leisten. Doch das ist bestenfalls eine Beschreibung und ebenso wenig eine Rechtfertigung wie das zu lange Tolerieren von Rechtsextremismus in Ostdeutschland. Es schmerzt mich, in die Gesichter der Ukrainerinnen und Ukrainer zu sehen. Was die Geflohenen mit den Dortgebliebenen eint, ist der Blick. Traurig, aber stark, erschüttert, aber menschlich und fassungslos über die viele Hilfe, die ankommt. Und ebenso fassungslos über diejenige, die gerade jetzt ausbleibt. Die Ukraine ist heute wieder das Herz Europas. Ich mag mir die Folgen nicht ausmalen, wenn es zerstört wird. (Anetta Kahane)

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