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Das große Als-ob ist perfekt

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Von: Petra Kohse

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Das US-amerikanische Unternehmen OpenAI erforscht die Künstliche Intelligenz.
Das US-amerikanische Unternehmen OpenAI erforscht die Künstliche Intelligenz und hat unter anderem die Sprachplattform GPT entwickelt. © Jakub Porzycki/Imago

Wenn künstliche Intelligenz für uns recherchiert und Texte schreibt, bleibt mehr Zeit. Aber für was? Die Kolumne.

Ich bin kein Gruppentyp, Facebook, Whatsapp oder so. Aber wo die Masse kulturell in Verzückung gerät, zieht es mich hin, seien es Rammstein-Konzerte, Vampirromane oder jetzt GPT3 von OpenAI. Mich bei der kostenlosen, allwissenden, megakreativen, selbstlernenden Plattform anzumelden, über die gerade alle sprechen, hat drei Tage gedauert, der Server war chronisch überlastet, und als ich endlich drin war, fühlte ich mich alt.

Aber für diejenigen, denen digitale Intuition nicht angeboren ist, gibt es auch hier geführte Touren. Die Codier- und Bildbearbeitungsangebote, die Editierhilfen und Keywordgeneratoren kann man erst mal überspringen – wo geht es zu ChatGPT, dem derzeitigen Volksheld in Sachen Wissensverarbeitung und Sprachkompetenz?

Die Suchmaschinentechnologie ist ja sogar Boomern inzwischen fatal vertraut, da hängt man seine Frage wie eine Angel in den Teich und das Ähnliche und Suchwortoptimierte beißt an. Den Fang muss man dann natürlich entheddern, er ist kommerziell beeinflusst und tendiert ins Unendliche, meist bleibt man ergebnislos selbst irgendwo hängen.

ChatGPT antwortet direkt. Maßgeschneidert und überschaubar. Es ist kein Suchen und Surfen mehr notwendig. Kein Rauskopieren und Verarbeiten. Es ist alles schon fertig. In offenbar jedem gewünschten Sound. Wirklich? Na warte, dachte ich, und fragte als Erstes nach dem Wichtigsten über die Flora des Amazonasgebietes und im Anschluss um ein zum Thema passendes, gereimtes Gedicht.

Keine Minute dauerte es, bis das System schriftlich zu deklamieren begann: „Deep in the heart of the Amazon rain,/ Where the jungle teems with life and gain,/ Lies a world of green, both bright and bold,/ Where the flora thrives, both young and old.“

Schlicht, aber tapfer, drei weitere Strophen folgten. Manch ein Amazonasreisender des 19. Jahrhunderts hätte aus eigener Anschauung und tiefster Empfindung nächtlich am Kandelaber brütend womöglich ähnliches verfasst.

Ich legte nach. Welches die wichtigsten politischen Themen wären, die das Amazonasgebiet beträfen. Die Antwort umfasste acht zentrale Punkte, schlüssig ausgeführt, als Vortrag für eine fünfte Prüfungskomponente im Abitur in der Fächerkombination Biologie und Politik womöglich ausreichend.

Weiter und gleich in die Vollen! Was muss man über Nazideutschland wissen? Auf Deutsch jetzt. Respektable Antwort auf Deutsch. Bitte ein beispielhaftes echtes Gedicht aus der Zeit des deutschen Expressionismus! „Die Stadt“ von Georg Heym, samt Text und Interpretation. Was zeichnet das deutschsprachige Theater aus? Wie ließe sich die Idee des Kommunismus doch noch verwirklichen?

Alles ordentliche Textbeiträge mit jeweils einem aparten Disclaimer am Ende, der auf mangelnde Vollständigkeit verweist. Gerade das aber ist für mich die Revolution. Der surfende und auswählende Mensch ist nicht mehr vonnöten. Das Internet nutzt sich jetzt selbst.

Ich kann einem Schriftsteller wie T. C. Boyle GPT-generierte Fragen zukommen lassen, die er GPT beantworten lässt, ich muss keine Bücher mehr lesen, er keine mehr schreiben, das große Als-ob ist perfekt. Die große Weltgeschichte des digitalen Wissens ist geöffnet, man kann ohne jedes Gepäck jederzeit eintreten, kommt überall hin und kann sich mit allem verbinden. Vollkommen erfahrungsfrei zwar, aber ohne all diese Recherche-, Bildungs- und Schreibarbeit ist ja jetzt endlich Zeit für anderes. Aber was?

Petra Kohse ist Theaterwissenschaftlerin, Kulturredakteurin, Buchautorin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

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