1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen

Damit es besser wird

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Michael Herl

Kommentare

„Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden“.
„Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden“. © Constantin Film

Alle müssen ihre Dünkel vergessen und als Gemeinschaft ein Zeichen der Hoffnung setzen. Das taugt auch als Signal in ein gemeinsames Europa.

Eigentlich ist es ja nichts anderes als eine stinknormale self-fulfilling prophecy, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Dieses psychologische Phänomen meint, dass etwas, an das man lange glaubt, schließlich auch wahr wird. So tut es nicht Wunder, dass alles ist, wie es ist. Tragen doch viele schon seit zwei Jahrzehnten T-Shirts mit dem Aufdruck „Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden“.

Der Spruch stammt aus dem Film „Der Schuh des Manitu“ und entfährt dort einem Manne, der sich in recht misslicher Lage befindet – nämlich angebunden an einen Marterpfahl. Solche Unbill ist zwar gewiss den wenigsten unter uns widerfahren, doch wird wohl kaum jemand der These widersprechen, dass die derzeitigen Verhältnisse geradezu nach dem Tragen eines solche Leibchens schreien. Denn wer bitte – außer vielleicht Aktionären von Rüstungsunternehmen – findet es denn toll, was gerade in vielen Bereichen geschieht?

Es ist eine Gesamtsituation, wie es sie in ihrem Facettenreichtum in der Geschichte der Menschheit noch nie gab. Klimawandel, Krieg, Inflation, Pandemie, Hungersnot, Wassermangel, Demokratieverdruss und Autokratenschwemme, das sind nur ein paar Stichworte, die keinen Anlass für eine sonnige Vorfreude auf das Kommende geben, erst recht nicht in ihrer Summe.

Das alles macht uns Angst, verständlicherweise. Wir fühlen uns macht- und hilflos und sehen keinen Ausweg. Was also tun? Vielleicht etwas, wie es in der Geschichte der Menschheit ebenfalls noch nie vorkam – eine Massendemonstration zur Stärkung der individuellen Zuversicht. Ja, okay. Klingt krank. Aber lesen Sie doch erstmal weiter; für plemplem können Sie mich später ja immer noch erklären.

Also. Was die Menschen am meisten in die Depression treibt, ist doch das Gefühl, diesem ganzen Wust an Entwicklungen allein gegenüberzustehen. Täglich kommt Neues dazu, der Berg wird immer größer und bedrohlicher, und man selbst kommt sich immer kleiner und hilfloser vor. Um diese Ängste zu bewältigen, reicht der Austausch im persönlichen Umfeld längst nicht mehr aus. Da muss mehr passieren – nun sind die Massen gefragt. Wir müssen auf die Straßen, uns zeigen, uns gegenseitig versichern, dass wir da sind, dass wir alle die gleichen Ängste haben – und dass wir sie gemeinsam bewältigen können.

Denn wer ist denn das Volk? Ein Häuflein Irregeleiteter in Leipzig? Oder die riesige Mehrheit von Vernunft Geprägter, die sich zu Recht sorgen, aber nicht gleich das ganze System infrage stellen? Man muss bei der Planung nicht ganz von vorne anfangen. Es gibt ja vorhandene Strukturen.

Karnevalsumzüge werden organisiert, Christopher Street Days, Oktoberfeste, Kerwen und Kirchweihen, Straßenfeste, 1.-Mai-Demonstrationen, Fridays for Future, Schützenfeste und vieles mehr. Diese Potenziale muss man nutzen. Alle müssen ran, denn alle betrifft es. Menschen aus allen Bereichen der Bevölkerung und allen sozialen Schichten.

Und alle müssen ihre Dünkel mal vergessen und an das Eine denken, nämlich als Gemeinschaft ein Zeichen der Hoffnung zu setzen. Und sollte das gelingen, taugt es gewiss auch als Signal. Hinaus in ein gemeinsames Europa und in eine gemeinsame Welt. Denn nur so kann die Gesamtsituation zufriedenstellender werden.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

Auch interessant

Kommentare