Dem Mann – Gerhart Baum – zuzuhören ist eine Zeitreise zurück.
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Dem Mann – Gerhart Baum – zuzuhören ist eine Zeitreise zurück.

Kolumne

Da war mal einer

  • vonRichard Meng
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Was bedeutet liberal, wenn virologisches Kontrolldenken Freiheiten einschränkt? Die Kolumne.

Der Mann hat Power, immer noch. Worauf es ankäme in seiner Partei? Auf eine klare Linie, sagt er. Entscheiden, dann handeln. Die Zuhörenden nicken sehnsuchtsvoll. Der Mann, der so redet, ist mit Abstand der Älteste im Raum. Er hat schon viel erlebt, was längst in den Geschichtsbüchern steht. Er ist immer Kämpfer gewesen, zwischendrin sogar als Bundesminister, lang ist es her. Kämpfer meist auf verlorenem Posten.

Der Mann erzählt, wie das war, als sie die Republik verändern wollten – vor ziemlich genau 50 Jahren. Die alten Rechten hatten sie rausgedrängt aus der Partei. Überall war Aufbruch. Über die Versöhnung von Liberalismus und Sozialismus haben sie sogar diskutiert, auch wenn es das nicht bis ins Parteiprogramm geschafft hat. Weichgespült hieß es: sozial verpflichteter Liberalismus. Dem Mann – Gerhart Baum – zuzuhören ist eine Zeitreise zurück. Jetzt wird er 88 und ist noch hochengagiert – gemessen an seiner FDP, in der angepasste Krawattenträger und Kostümfrauen dominieren.

Der Gesprächsabend in Düsseldorf gilt einem anderen, einem der wirkungsmächtigsten Journalisten in der Geschichte der FR: Karl-Hermann Flach, in den 60ern Innenpolitikchef und stellvertretender Chefredakteur bei der FR, später bis zu seinem frühen Tod Generalsekretär der damals linksgewendeten FDP. Er stand für eine Reform des Kapitalismus, das Ende der autoritären Gesellschaftsstrukturen, die Öffnung für das vereinte Europa. Heute wäre auch er 90.

Wie die Geschichte weiterging, wissen wir. Aus dem Aufbruch wurde Abwehrkampf und Anfang der 80er kam in der FDP die nächste Wende, die zur wirtschaftsliberalen Klientelpartei. Die große Geschichte des Liberalismus war um eine Facette reicher, blieb aber eine Episode. Im Lagerkampf zwischen Schwarz-Gelb und Rot-Grün, der die 80er und 90er Jahre prägte, geriet der liberale Aufbruch in Vergessenheit, mit ihm Figuren wie der Journalist Flach.

Untergegangene Ideen, gibt es sowas? Linke, das seien enttäuschte Liberale – hatte Flach mal geschrieben. Vielleicht sind in diesem Sinne die Grünen enttäuschte Liberale. Aber die Freiheitsbegriffe unterscheiden sich doch im jetzt zersplitterten Parteiensystem, in dem sie sich alle für irgendwie liberal halten. Zu sehen auch in Corona-Zeiten.

Was bedeutet liberal, wenn europaweit virologisches Kontrolldenken den persönlichen Bewegungsspielraum einschränkt? Wenn Bürokraten die Hotels – rechtswidrig – per Unterbringungsverbot zu Reisebremsern machen wollen? Was bedeutet liberal, wenn Politik wieder in den Panikmodus schwenkt, der Bayer Söder Kritikern mentale Probleme bescheinigt und der Kanzleramtsminister für Ungehorsame das Wort gemeinschaftsschädlich verwendet, das von volksschädlich nicht weit weg ist? Wer prägt in solchen Zeiten seriös, abgewogen und doch wertefest die Debatte?

Eine Idee wie der Liberalismus kann breitgetreten werden und verloren gehen. Kann ansteckend sein wie ein Virus und zugleich unfassbar, überall und nirgends. Baum, der Liberale in der FDP, hoffte zeitlebens, dass sich Junge finden, die nicht nur Ichling sein wollen. Und deshalb um des sozialen Ausgleichs willen bereit sind, das Erbrecht zu ändern, Gesellschaft und Natur als Ganzes zu sehen, Werteabwägungen nicht ausweichen, auch als Getriebene einer Pandemie.

Irgendwas ist schief gelaufen. Beim Stichwort Liberalismus liefern Suchmaschinen heute zwei Kerninhalte: Individualismus und möglichst wenig Staat. Das passt sogar auf tumbe rechte Coronaleugner. Flach war einmal, jetzt rotiert er im Grabe. Was sozial sensible Freiheit ist? Eine offene Frage in diesen Tagen.

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