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In ihrem Protest waren einige der Akteure vor dem Berliner Reichstagsgebäude wild entschlossen, die staatliche Ordnung nicht nur infrage zu stellen, sondern aufs Spiel zu setzen.

Corona-Pandemie

Leben wir in einem Ausnahmezustand?

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Leben wir im Ausnahmezustand? Wenn ja, in welchem? Und führen ihn nicht manche, die ihn bekämpfen wollen, selbst herbei?

Zu den Kritikern der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie gehört auch der italienische Philosoph Giorgio Agamben. Für ihn, den Theoretiker des Ausnahmezustands, stellen Maskenpflicht und Abstandsgebote eine staatliche Erfindung dar, einen Vorwand, um den Ausnahmezustand ausrufen zu können. Politische Macht, so Agamben, legitimiere sich „nur noch in Form des Notstands“ und nicht mehr aus politischen Idealen und Überzeugungen.

In Agambens Augen, so fasste es kürzlich Thomas Assheuer in der „Zeit“ zusammen, „entblößt die Corona-Krise die Wahrheit der Moderne: Was früher einmal ‚Leben‘ war, ist heute ‚Nur-noch-Leben‘. Das nackte vegetative Leben wird in Krankenhausfabriken intensivmedizinisch betreut und im Todesfall auf Militärlastwagen ins Krematorium abtransportiert.“

Es ist ein kalter Blick, den Agamben auf den Notstand in Italien warf. Die Bilder von Lkw, die Leichen abtransportieren, hatten auch hierzulande zu der politischen Entscheidung beigetragen, das ganze Land in den Lockdown zu schicken. In Agambens Lesart aber war die Corona-Krise nur eine Bestätigung seiner Theorie vom „Gebrauch der Körper“, in der er sein von vielen Lesern begeistert aufgenommenes Werk über den „Homo sacer“ abschließt.

Giorgio Agamben gilt als Säulenheiliger einer linken Theorie. In seiner Kritik an den Corona-Maßnahmen aber macht er sich mit rechtsradikalen Staatsfeinden gemein, die in Berlin auf das nur schwach geschützte Reichstagsgebäude zustürmten, um eben jenen Ausnahmezustand zumindest symbolisch heraufzubeschwören, den Agamben mit seinem Lebenswerk zu analysieren und zu bekämpfen versucht hat.

Agamben möchte die auf bloßen Machterhalt ausgerichteten Geheimabsichten des Staates entlarven. Das Motiv des Gesundheitsschutzes ordnete er seinem Theorem von der Zurichtung der Körper unter. Die Corona-Pandemie ist demnach ein Erfüllungsgehilfe zu einem auf Dauer zu stellenden Ausnahmezustand.

So oder ähnlich – wenngleich nicht derart philosophisch grundiert – dürften es auch viele der Teilnehmer sogenannter Hygienedemonstrationen sehen. Immer wieder sind derlei Überlegungen zuletzt als Verschwörungstheorien abgetan worden. Dabei ist es zweifellos ein legitimes Interesse, die staatliche Legislative und Judikative mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass etwas schiefläuft im Land. Der Protest auf der Straße aber setzt sich formal schon dadurch ins Unrecht, dass er sich unter Ansteckungsgefahr in Form einer Zusammenkunft artikuliert.

Vermutlich ist es genau dieses Paradox, das es auszuhalten gilt. Wir hadern mit der Fortsetzung eines Ausnahmezustands, der in Form der Maskenpflicht ganz allmählich in das alltägliche Verhalten einsickert. Es gibt weder Normalität noch Langeweile, die Infektionsgefahr lauert beim gewöhnlichen Einkauf, von dem kaum noch zu unterscheiden ist, ob Todesgefahr droht oder maßlose Übertreibung.

Die Szenen vor dem Berliner Reichstagsgebäude aber waren dominiert von einem weiteren Paradox. In ihrem Protest waren einige der Akteure wild entschlossen, die staatliche Ordnung nicht nur infrage zu stellen, sondern aufs Spiel zu setzen. Um den in ihren Augen unerträglichen Ausnahmezustand zu bekämpfen, streben sie auf einen anderen zu. Vor dem Deutschen Bundestag klirren die Fahnen im Wind.

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