Ohne Smartphone geht es fast nicht mehr: Der QR-Code ist coronabedingt omnipräsent.
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Ohne Smartphone geht es fast nicht mehr: Der QR-Code ist coronabedingt omnipräsent.

Kolumne

Corona zwingt zum Online-Shopping - selbst Jürgen muss jetzt doch ins Netz

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Corona zwingt einen, online zu bestellen - Fahrkarten zum Beispiel. Egal ob man das will oder nicht. Wohl dem, der sich das leisten kann.

Frankfurt – Eigentlich ist Jürgen ein vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft. Ein rechtschaffener Bürger, seit mehr als vier Jahrzehnten Schlosser in der gleichen Firma, seit drei Jahren in Rente, aber immer noch jeden Tag morgens Punkt sechs auf Arbeit. Er sei ja noch fit, sagt er, die Arbeit mache ihm Spaß, auch wenn sie manchmal körperlich anstrengend sei.

Kein Internet, kein Smartphone: Bis vor kurzem noch denkbar - in Corona-Zeiten aber nicht

Außerdem wisse sein Chef nicht, was er ohne ihn machen solle. Das stimmt wahrscheinlich sogar, denn andere mögen mehr Kraft haben, doch Jürgen hat mehr Erfahrung. Außerdem ist er anders.

Viele seiner Kollegen hätten nur ihre Autos im Kopf und erzählten in der Pause Seltsames aus einer ihm fremden Welt, in der Siris und Alexas eine Rolle spielten, immer die neuesten Smartphones und dieses Fressen von McDonalds, wie er sagt. Jürgen hingegen kocht sich häufig selbst. Bratkartoffeln könne niemand so gut wie er.

Jürgen liest viel. Täglich die FR und die „Süddeutsche“, außerdem immerfort Bücher, die er nur in der Buchhandlung um die Ecke kauft. Und er hört Radio. So fast jeden Nachmittag zum Beispiel „Der Talk“ auf Bayern 2. Meist im Firmenwagen auf der Rückfahrt von der Baustelle, während sein Kollege in seinem Smartphone versinkt.

Einen Fernseher hat er nicht, auch kein Internet und kein Smartphone. Nur ein altes Handy mit zersplittertem Display. Das hat ihm sein Chef gegeben, damit er auf der Baustelle erreichbar ist. Nach Feierabend macht er das dann aus. Er braucht all das nicht.

Doch Jürgen ist kein Verweigerer, er ist nur vernünftig. In Facebook, Instagram, Google, Amazon, Youtube, Kreditkarten und alledem sieht er keine Bereicherung, sondern eine Last. Das ließ ihn all die Jahre unbeschwert durchs Leben gehen. Bis vor kurzem.

Smartphone, Computer, Kreditkarte: Der Alltag mit Corona ist teuer.

Jürgen hat sich nämlich vor langer Zeit ein baufälliges Häuslein in einem sardischen Dorf gekauft. Seitdem fährt er jedes Jahr dorthin und renoviert. Es soll sein Altersruhesitz werden. Das ging immer problemlos. Mit dem Auto nach Genua, dort eine Fährkarte kaufen, dann ab nach Sardinien. Nun aber stieß Jürgen an seine Grenzen. Tickets gibt es nur noch online, zudem muss ein recht komplizierter Vorgang zur Corona-Vorsorge bewältigt werden. Es half nichts, Jürgen musste ins Netz.

So saßen wir unlängst vor meinem Rechner – und ich muss sagen, das war was für Fortgeschrittene. So musste man erstmal darauf kommen, dass der Name Jürgen vom italienischen System nicht akzeptiert wurde, erst ein Jürgen durfte einreisen. Es durfte auch nicht in Saarbrücken geboren sein, sondern in Saarbruecken.

Corona-Krise: Was tun ohne Kreditkarte?

Auch meine Girocard gefiel nicht so recht, die erste Kreditkarte ebenso wenig. Erst die zweite wurde mürrisch akzeptiert. Es war ein holpriger Ritt, doch nach einer guten Stunde erreichten wir das Ziel.

Mit großen Augen beobachtete Jürgen, wie mein Drucker seine Fährkarten ausspuckte und einen dicken QR-Code, der seine angebliche Virenfreiheit bescheinigen sollte. Es ging also gut.

Was aber, wenn Jürgen kein Sonderling wäre, sondern schlicht arm? Wenn er sich weder Computer noch Smartphone leisten und von einer Kreditkarte nur träumen könnte? Hat er dann auf Sardinien nichts verloren? Auf alle Fälle wäre er ein Beispiel für ein weiteres Auseinanderklaffen der Arm-Reich-Schere durch Covid-19. ( Von Michael Herl )

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