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Beängstigende Corona-Spaziergänge in Frankfurt

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Von: Michael Herl

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Demonstration in Frankfurt gegen die Corona-Maßnahmen, AHA-Regeln und die Impfpflicht.
Demonstration in Frankfurt gegen die Corona-Maßnahmen, AHA-Regeln und die Impfpflicht. © Renate Hoyer

Nicht die beim „Spaziergang“ gegen die Corona-Maßnahmen mitlaufenden Nazis machen mich sprachlos. Mich irritierten die Fehlgeleiteten, die einer obskuren Eigendynamik folgen. Die Kolumne.

Eigentlich lasse ich mich ja gerne von der Realität überraschen. Unter anderem aus diesem Grund wählte ich den Beruf des Journalisten. Ich erlernte ihn an einer angesehenen Ausbildungsstätte und übe ihn seit mehr als vier Jahrzehnten aus.

Erst bei einem Lokalblatt, dann bei großen Tageszeitungen, schließlich bei Magazinen und Illustrierten. Ich bereiste die halbe Welt, war in Kriegen, Klapsmühlen, Leprakliniken und Elendsvierteln, verkehrte aber auch in vornehmsten Kreisen, wo mir das Elend oft noch elender erschien.

Manchmal schlüpfte ich in fremde Rollen. War Psychiatriepatient, Bettler, Versicherungsvertreter, Tagelöhner und Neonazi, wollte die Wahrheit wahrhaftig erleben, am eigenen Leib erfahren, sie so noch mehr ergründen und vielleicht begreifen. Und ich merkte, wie wahr der Satz „Je mehr ich weiß, desto mehr erkenne ich, dass ich nichts weiß“ ist, den Einstein gesagt haben soll. Seine Richtigkeit wurde mir mal wieder am Samstag gewahr.

Es überrascht, wie leicht sich Menschen gegen die Coronavirus-Impfung mobilisieren lassen

Ich hatte mich auf den Weg gemacht, eine Einschätzung zu überprüfen. Sie waren mal wieder auf einem „Spaziergang“. Menschen, die sich nicht gegen das Coronavirus impfen lassen wollen, aus unterschiedlichen Gründen. Ich stand am Wegesrand, ließ sie an mir vorbeiziehen. Sie trugen Plakate, sangen Lieder, brüllten Parolen, tanzten und johlten, hüpften und verteilten Zettel.

Eine ganz normale Demonstration, wie man sie schon lange kennt. Könnte man meinen. Doch es war anders. Es war so anders, dass es mir die Sprache verschlug. Es warf alles über den Haufen, was ich bislang erlebt hatte.

„Wer seid Ihr, und was habt Ihr mit denen gemacht, die Ihr zu sein vorgebt?“, drängte sich mir in den Sinn. Ist es womöglich umgekehrt? Sind das die Geimpften? Hat man sie immunisiert gegen klares Denken, gegen Vernunft, gegen Gebrauch des Gehirns und Erkennen der Realität? Ist es Voodoo?

Ich meine das nicht böse. Ich bin lediglich entsetzt. Nicht unbedingt, weil sie sich nicht impfen lassen wollen. Ich will mir vielmehr nicht ausmalen, was da noch kommen könnte. Wenn es so einfach ist, Menschen zu mobilisieren, was steht uns da noch bevor?

Es gibt bessere Gründe zu demonstrieren, als die Coronavirus-Maßnahmen

Zumal das ja nicht nur in Frankfurt geschieht, sondern weltweit. Überall ziehen Bürgerinnen und Bürger umher, streiten glasklare Sachverhalte ab und fühlen sich ihrer persönlichen Entfaltung beraubt. Dabei gäbe es so viele Gründe, wegen Beschneidung unserer Freiheit auf die Straße zu gehen.

Die Verknappung und Verteuerung von Wohnraum. Die Spekulation von Nestlé und anderen mit Wasser und Lebensmitteln. Der Würgegriff von Google, Amazon und Konsorten. Die sogenannten sozialen Medien, die unser Leben lückenlos durchleuchten – und die im Übrigen die Demonstrierenden mit all den hanebüchenen „Fakten“ versorgen, die sie für wahr halten und umherbrüllen. Wieso erkennen sie all das nicht, sondern begehren auf gegen einen nachgewiesenermaßen harmlosen Piks, der schon Millionen Menschen das Leben rettete?

Es waren nicht die wie immer in dem Zug mitlaufenden Nazis, die mich sprachlos machten. Mit solchen Schwachköpfen komme ich seit Jahrzehnten klar. Die kann ich einschätzen, die weiß ich zu bekämpfen. Mich irritierten die anderen. Die einer obskuren Eigendynamik folgend Fehlgeleiteten. Die sind es, die mich beängstigen. (Michael Herl ist Autor und Theatermacher)

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