Noch wenige Tage, dann ist es mit dem TXL, dem geliebten City-Airport der Berliner aus und vorbei.
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Noch wenige Tage, dann ist es mit dem TXL, dem geliebten City-Airport der Berliner aus und vorbei.

Kolumne

Eine Reise nach Jerusalem mitten in der Corona-Krise: Yalla, bye-bye

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Allmählich kehrt in Israel der Alltag zurück. Eigentlich ist es der normalisierte Ausnahmezustand einer virengeplagten Welt. Die Kolumne.

Der Taxifahrer freut sich. „Nach Tegel? Na super!“ Schwungvoll hievt er mein randvollgestopftes Gepäckstück in den Kofferraum. Noch wenige Tage, dann ist es mit dem TXL, dem geliebten City-Airport der Berliner, aus und vorbei. „Wer weiß, ob das nicht meine letzte Fahrt dorthin ist“, seufzt der Taxifahrer wehmütig, ein Kurde, der lange genug in der Stadt lebt, um die Nostalgie der sonst eher für ihre kecke Schnauze bekannten Bewohnerinnen und Bewohner zu teilen.

Für mich ist es jedenfalls das allerletzte Mal, vom Tegel-Sechseck abzuheben. Nach monatelangem Procedere habe ich endlich die Sondergenehmigung in der Tasche, als Journalistin wieder nach Israel einzureisen, ausgestellt vom Chef der „Border Control“ des Ben-Gurion-Flughafens in Tel Aviv. Ein Privileg in diesen Ausnahmezeiten, in denen seit Corona-Ausbruch im Frühjahr keine Touristin und kein Tourist, egal von wo, ins Land gelassen werden. Selbst Israelis durften während des gerade beendeten zweiten Lockdowns nicht ausreisen.

Von Berlin nach Jerusalem: Aufregend auch ohne BER

„Yalla, bye-bye TXL“, murmele ich. Ein Gruß, der im nahöstlichen Slang Abschied und Aufbruch zugleich bedeutet. Wenn ich zurückkomme, werde ich wohl in Schönefeld auf dem BER landen. Janz weit draußen, wie man in Berlin zu sagen pflegt.

Was mich, nebenbei bemerkt, zurückschreckte, beim Probelauf vor Eröffnung des Jahrhundertwerks in brandenburgischer Pampa als Versuchspassagierin mitzumachen. So spannend das klang, je nach zugeteilter Rolle die Bordkarte zu vermissen, Hilfe an Infoschaltern zu suchen oder mit im Gepäck versteckten Waffenattrappen die Sicherheitsschleusen zu testen.

Den Nervenkitzel habe ich mir erspart. Die Reise nach Jerusalem, meinem zweiten Standbein, gestaltet sich aufregend genug. Der Zwischenaufenthalt in Frankfurt reicht gerade aus, um die Lesebrille in den weitläufigen Terminals zu verlieren und kurz vor Boarding Time einen Laden, der Ersatzbrillen verkauft, zu finden.

Der Flug nach Israel: Vier Stunden mit Maske

Zum Glück komme ich trotz Schweißperlen unbeanstandet durch die digitale Fiebermessstation. Noch vier Stunden im Flieger mit FFP2-Maske im Gesicht, dann tauchen die Lichter der israelischen Küste auf. Alles so vertraut und doch anders als gewohnt. Die Passkontrolle direkt nach Landung noch im Niemandsbereich, die Fragen nach dem Gesundheitszustand, die gespenstisch leere Ankunftshalle.

Draußen empfangen mich heiße Nachtluft und mein Freund. „Kneif mich“, bitte ich ihn, als wir mit offenen Wagenfenstern nach Jerusalem rauschen. Was wir schon dutzendfach gemacht haben, fühlt sich diesmal unfassbar fantastisch an. Auch das Leben in Krisenzeiten hat seine Glücksmomente. Umso mehr, als ich quasi im Flug den in Berlin bevorstehenden Lockdown light mit dem in Jerusalem angesagten Lockdown Exit vertauscht habe.

Trotz Corona: Eine Minderheit feiert

Bei Tageslicht gesehen macht das zwar keinen großen Unterschied. Hier wie dort verabredet man sich mit Bekannten allenfalls zum Kaffee unter freiem Himmel. Hier wie dort glaubt eine ignorante Minderheit, ob ultrafromm, esoterisch oder jung und partygeil, die Anti-Corona-Regeln seien nicht für sie bestimmt.

Aber die Menschen in Jerusalem spüren nach wochenlanger Achterbahnfahrt mit schwindelerregend steiler Infektionskurve wieder Boden unter den Füßen. „Schwei-schwei“, also sehr allmählich, kehrt der Alltag zurück. Der normalisierte Ausnahmezustand, derzeit das Beste, das die virengeplagte Welt zu bieten hat. Egal wo.

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