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Tradition und Fortschritt - in Bayern kein Widerspruch, meinte schon Edmund Stoiber. Zwar glaubt wohl keiner mehr wie vor 200 Jahren, dass ihm vom Pocken-Impfstoff Kuhohren wachsen. Doch die hohe Zahl von Esoterikern und Heilpraktikern im Bundesland macht sich auch heute durchaus bemerkbar.
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Tradition und Fortschritt - in Bayern kein Widerspruch, meinte schon Edmund Stoiber.

Kolumne

Corona-Krise: In der Pandemie zeigt sich der hässliche Deutsche

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Sturheit und Starrsinn treten in der Corona-Pandemie als gesundheitspolitischer Risikofaktor in Erscheinung. Die Kolumne.

München – Es ist noch nicht allzu lange her, dass die so unterschiedlichen Regionen Europas mit großen Hoffnungen und Reformfantasien bedacht wurden. Eine intelligente Form der Globalisierung, so die Idee, kommt an den lokalen Besonderheiten nicht vorbei.

Rund 500 Millionen Menschen, schrieb etwa die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, leben in europäischen Regionen, „die unterschiedliche Sprachen sprechen und aus unterschiedlichen Kulturen stammen: Die einen essen lieber Pizza, die anderen lieber Hering, es gibt unterschiedliche Trachten und Bräuche, sehr viele verschiedene Käsesorten und ganz unterschiedliche Häuser“.

Laptop und Lederhose: Bayerns Selbstverständnis

Sie alle aber seien geeint durch gemeinsame Werte: „Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und eine soziale Marktwirtschaft. Man nennt sie die Werte der europäischen Aufklärung.“ Ein Gefälle zwischen Stadt und Land? Muss es nicht geben, das Internet schließt Lücken, und der Interregio schafft Verbindungen.

Selbst in Bayern, wo der Gemeinsinn mit einer deftigen Prise Eigensinn gewürzt wurde, wähnte man sich vorübergehend bestens durch das Begriffspaar von Laptop und Lederhose abgebildet, der Fortschritt in Gestalt eines landestypischen Kleidungsstücks, das den Verdacht schnöder Rückständigkeit mühelos abzustreifen schien. Landwirtschaft und industrieller Fortschritt, so stellte es bereits Ministerpräsident Edmund Stoiber dar, müssen kein Widerspruch sein.

Markus Söder über eine Corona-Impfpflicht in Bayern: „Es gab damals heftigen Widerstand“

Inzwischen aber hat sich der Horizont verdüstert. Selbst der aktuelle bayerische Ministerpräsident Markus Söder, ein Franke, gibt sich erschrocken und hilflos angesichts des ablehnenden Beharrens der von ihm Regierten. In Sachen Impfbereitschaft verweist er beinahe entschuldigend auf die Kulturgeschichte seines Landes.

„1807 hat Bayern eine Impfpflicht gegen Pocken eingeführt. Es gab damals heftigen Widerstand“, so Söder unlängst in einer Regierungserklärung. Es habe eigens eine Zeitschrift der Impfgegner gegeben, und weithin sei die Sorge verbreitet gewesen, den Menschen könnten von dem Kuhpocken-Impfstoff Kuhohren wachsen.

Corona-Krise in Bayern: Tradition, Selbstbestimmung oder doch die Vernunft?

Noch vor dem Einstich mit der Nadel steigt das Fieber und die Fantasieproduktion schwillt an. Geradezu resigniert verwies Söder auf die seit jeher hohe Zahl der Esoteriker und Heilpraktiker im Alpenland.

Ins Politische übersetzt, soll dies wohl heißen, man könne da gar nicht viel machen. Staatliche Strenge und erst recht die Fixierung auf Impfpflicht und andere Regulierungsversuche laufen Gefahr, an den tradierten Eigenheiten abzuprallen.

Corona: Bayern stößt an die Grenzen zwischen Vernunft und regionalem Starrsinn

Sturheit und Starrsinn, die man eben nicht ohne einen gewissen Stolz als regionales Herkunftsmerkmal zu deuten geneigt war, treten nun als gesundheitspolitischer Risikofaktor in Erscheinung. Das ist kein bayerisches Privileg. Auch die Sachsen, insbesondere die Erzgebirgler, halten viel auf ihre Renitenz gegenüber der Obrigkeit. Der hässliche Deutsche, dessen schroffe Vernunftabwehr man zuletzt unter dem Mantel uriger Regionalität zu verbergen gewillt war, zeigt sich nun völlig ungeniert.

In der Corona-Pandemie, so meine vorläufige Bestandsaufnahme, wird sich die Tauglichkeit der Verbindung von Modernität und Regionalität erst noch erweisen müssen. Körperliche Unversehrtheit schützt nicht vor kognitiven Fehlleistungen. (Harry Nutt)

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