Auch wenn‘s in den Finger juckt: Petzen macht einsam. Sprechen Sie den Mund-aber-nicht-Nasenschutz-Träger doch einfach direkt an.
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Auch wenn‘s in den Finger juckt: Petzen macht einsam. Sprechen Sie den Mund-aber-nicht-Nasenschutz-Träger doch einfach direkt an.

Pandemie-Krise in Deutschland

Denunzieren in Zeiten von Corona? Eine App macht es möglich

  • Katja Thorwarth
    vonKatja Thorwarth
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Niemand braucht in Corona-Zeiten Portale, auf denen Menschen andere anprangern. Einzelne Gruppen sind nicht für die Pandemie verantwortlich. Die Kolumne.

„Das mit der Maskenpflicht ist doch totaler Quatsch“, raunte kürzlich ein maskenloser Jungspund dem Kollegen im Eckbüdchen allwissend zu. „Überhaupt ist dieses ganze Corona reine Geldmacherei.“ Interessante These, wer denn daran verdiene, wollte sein Gegenüber wissen. Bill Gates, hätte eine Antwort lauten können, oder China – aber wir sind ja nicht vom Attila-Hildmann-Gedächtnis-Club, soll der Bub halt selbst drauf kommen.

Corona-Meldeportal in Essen: identität der Meldenden ist optional

Der hat hingegen Glück, dass er in Frankfurt und nicht in Essen maskenfrei seiner Wege geht. Dort nämlich können Bürgerinnen und Bürger auf einem Online-Portal Verstöße gegen die „Coronaschutz-Verordnung“ melden. Da kann man mit maximal 45 Zeichen den „Ort des Verstoßes“ angeben, Datum und Uhrzeit der „Feststellung“ sowie Art und „nähere Beschreibung des Verstoßes“. Ein Foto beizufügen, ist selbstverständlich auch möglich. Interessanterweise optional sind die Kontaktdaten der Meldenden.

Wow, ein solches Portal hat dieses Land gerade noch gebraucht, wo Frau X oder Herr Y anonym Leute anschwärzen können, die ihnen schon länger auf den Keks gehen. „Hast Du es gesehen? Die aus der Zweiten hatte ihre Maske unter der Nase hängen.“

Das kitzelt so ziemlich die niedersten Instinkte hervor, obwohl jede ja eigentlich seit der Krabbelstube weiß, dass Petzen einsam macht. Aber in Zeiten der Pandemie soll es für das Individuum wohl möglichst leicht sein, einen Teil zur Volksgesundheit beizutragen.

Corona: Gruppen wie junge Menschen werden als Täter markiert

Das ist auf der einen Seite verstörend. Andererseits macht gerade Corona es möglich, mehr oder weniger willkürlich Gruppen wie beispielsweise das „egoistische Partyjungvolk“ aka „alle unter 30“ oder diese ganzen Reisesüchtigen als Volksschädlinge zu markieren. Die Essen-Seite erinnert an das AfD-Portal, auf dem Schülerinnen und Schüler ihre Lehrenden ob potenzieller Anti-Nazi-Tendenzen anprangern konnten.

Aber die Stadt sieht keinerlei Probleme, schließlich hätten die Leute sowieso per E-Mail Verstöße gemeldet. Na, wenn das so ist – ändert es dennoch nichts daran, dass es den Denunziantinnen und Denunzianten zu einfach gemacht wird.

Corona-Krise und die Denunzianten: Keiner will Pandemie-Leugner schützen

Und nein, hier geht es nicht darum, sich schützend vor Pandemie-Leugner zu stellen, die eine Maske nur dann tragen, wenn ein Hakenkreuz drauf ist. Tatsächlich halten sich nicht alle an die notwendigen Regeln, und gerade im sozialen Raum fühlen sich gefährdete Personen explizit bedroht. Diese Menschen müssen geschützt werden, und es ist Aufgabe des Staates, hierfür zu sorgen.

Die zu Hilfssheriffs Berufenen werden an der Situation nichts ändern, ins politische Konzept eines Jens Spahn, der gemäß einem Gesetzentwurf „zum Schutz der Bevölkerung“ seine Pandemie-Sonderrechte ausweiten will, passt es durchaus.

Was genau hat man sich unter den Spahnschen „eigenmächtigen Verordnungen“ vorzustellen? Wie es die „Süddeutsche Zeitung“ formuliert, wäre eine Verpflichtung von Unternehmen möglich, „den Behörden kranke, krankheitsverdächtige oder ansteckungsverdächtige Passagiere (zu) melden“. Oha.

„Die Maske muss der Maske wegen getragen werden. Als Symbol für Gehorsam den Maßnahmen der Regierung gegenüber“ – das hat glücklicherweise nicht Spahn gesagt, dafür aber der völlig außer Rand und Band geratene Herausgeber der Springer-„Welt“ Stefan Aust. Die Maske als Symbol des „Gehorsams“? Wie auch immer, Aust kann sich ans Revers heften, einen Satz mit Superspreader-Charakter formuliert zu haben.

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