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„Lieber Staat, man muss sich langsam Sorgen machen...“ Kolumne zum Corona-Debakel

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Von: Richard Meng

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Bundestag Adler Flagge Corona
Lieber Staat, man muss sich langsam Sorgen machen. © Florian Gaertner/photothek.net

In Krisen wie der Corona-Pandemie ist der Staat gefragt – doch der ist ineffizient geworden. Die Kolumne.

Lieber Staat, man muss sich langsam Sorgen machen. Aus dem gefälligen Lästern über Pannen und Schwächen, vor allem rund um große Bauprojekte, ist ein allgemeines Frustgehacke geworden. Warum nicht schneller? Warum nicht mehr? Warum nicht konsequenter? Seit Corona richten sich alle bösen Blicke auf Dich. Reaktion? Eher Zickzack. Immerhin gibt’s eine Reaktion.

Mit Corona sind ausnahmsweise alle bedürftig

So langsam dämmert aber, dass da grundsätzlich etwas zu diskutieren wäre. Dass es nicht nur mal doofe Bauaufsichtsbehörden gibt oder mal schläfrige Bürgerämter – und nun auch noch korrupte Unionsabgeordnete und das übliche Umsetzungschaos, wenn die Politik sich plötzlich eine neue Strategie ausdenkt (massenhaft Corona-Tests).

Sondern dass Du, wenn es wirklich gilt, generell nicht mehr in die Gänge kommst. Nachdem Du uns in Deiner Zivilität fast sympathisch geworden warst. Mit einer Armee, der man das Schießen kaum zutraut. Einer Polizei, die sich die Obrigkeitsattitüde abzugewöhnen versucht. Man traut sich sogar, Dich zu duzen.

Aber wenn einige EU-Mohikaner schon sehnsuchtsvoll nach Israel gepilgert sind, um sich mit Anti-Corona-Mitteln einzudecken, muss man ihnen entgegenhalten: Der dortige Staat fühlt sich seit Jahrzehnten ununterbrochen im Krieg und verhält sich auch so. Das wollen wir nicht. Doch wir merken andererseits, dass Du, der zivile Staat, nach 1945 ein kultureller Quantensprung, allen Ernstes im positiven Sinne nötig bist und nicht nur im negativen Sinne lästig. Nötig für alle, weil mit Corona ausnahmsweise mal alle bedürftig sind.

Die Corona-Inpfzentren sind eine Unsinnsidee

So ist es eigentlich Deine große Stunde. Es ist die Zeit für Vorsorge und Schutz, nachdem Du lange möglichst rausgehalten wurdest. Das mag Deine Staatsdienerschaft verunsichert und zu all dem Übervorsichtsdenken angestiftet haben. Leute, die einst stolz bis überheblich waren. Aber jetzt wirken sie viel zu geduckt, verschanzen sich hinter möglichst allumfassenden Vorschriften.

Die Auszahlung der Hilfsprogramme hing monatelang wegen der Prüfpflichten. Deine Netzkompetenz ist kaum auffindbar. Die Corona-App und bald wohl auch ein elektronischer Impfausweis sind mit all der guten Datenschutzvorsorge unpraktikabel. Die Impfplanung stockt angesichts zu gut gemeinter, im Pauschalen realitätsferner Kriterien, die staatsferne professorale Gremien aufstellen durften. Die Impfzentren sind eine Unsinnsidee. Die Massentests werden so holterdipolter, wie neuerdings gewünscht, nie funktionieren.

Der Staat ist ineffizient geworden

Du, Staat, bist ineffizient geworden. So erleben es die Leute, selbst wenn das ungerecht ist. Während die, die Dich politisch steuern, gerne Deine Möglichkeiten überschätzen. Dabei kannst natürlich auch Du nie mehr sein als die Summe der Menschen, die Dich bewegen. Aber das sollten nicht nur Deine Mitarbeitenden sein, Politik inklusive, sondern wir alle. Du bist zum Glück immer auch Abbild der Gesellschaft.

Es geht jetzt nicht nur darum, ob der Föderalismus zu komplex wurde. Da Grundlegendes zu ändern, ist aussichtslos. Es geht nicht nur um die Frage, wie Dir das Netzmuffeltum ausgetrieben werden kann, ohne allen Leuten ein digitales Leben aufzuzwingen. Sondern es geht auch darum, wie zwischen Dir und der Gesellschaft, da beiderseits Misstrauen eingekehrt ist, wieder so etwas entstehen kann wie selbstbewusste Zugewandtheit.

Wer hängt sich in Zukunft noch rein für andere?

Ja, das ist die Demokratiefrage. Nicht theoretisch, praktisch. Die Frage nach der Kraft des Gemeinsamen nach dem Corona-Stillstand. Wer hängt sich in Zukunft noch rein für andere? Wenn, dann auch Dir zuliebe, werter Staat. Gerade Du brauchst wieder eine laute, aktive Gesellschaft, die Dich in Bewegung bringt. Damit Du nicht, wohlmeinend vielleicht, im Misslingen verknöcherst. (Richard Meng)

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