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Häusliche Pflege muss mehr in den Fokus rücken (Symbolbild).
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Häusliche Pflege muss mehr in den Fokus rücken (Symbolbild).

Kolumne

Corona-Impfpflicht geht an Realität vorbei: Der Großteil wird zuhause gepflegt

  • VonJoane Studnik
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Die Mehrzahl der Pflegekräfte wird von den Plänen der neuen Bundesregierung überhaupt nicht erfasst. Die Politik muss häusliche Pflege in den Fokus rücken. Die Kolumne.

Frankfurt – Die Pläne für eine „einrichtungsbezogene“ Impfpflicht gegen das Corona-Virus in Pflegeheimen und Kliniken gehen an der Realität der Pflegebranche vorbei. Gerade ein Fünftel der aktuell rund 4,5 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland wird in Heimen versorgt. Die überwiegende Mehrzahl pflegebedürftiger Personen wird betreut von Angehörigen, Pflegediensten, zunehmend auch von sogenannten Live-in-Care-Betreuungskräften, die bei den zu Pflegenden im Haus wohnen. Keine dieser Beschäftigten würde von der Impfpflicht erfasst, und auch sonst liegt bei der Pflege daheim einiges im Argen.

Um sechs Millionen Pflegebedürftige bis zum Jahr 2030 versorgen zu können, fehlen laut einer Studie der Barmer Ersatzkasse 182.000 Pflegekräfte! Wo diese herkommen sollen, frage ich Daniel Schlör, Sprecher des Bundesverbandes häusliche Betreuung und Pflege. Hauptberuflich leitet er das Berliner Pflege-Unternehmen Sunacare und sieht seine Branche zunehmend gefordert, die Betreuungslücke zu schließen: „So viele Pflegeheime können Sie gar nicht bauen, um den Pflegebedarf abzudecken.“

Corona-Impfpflicht in Pflegeheimen: Wo findet die Pflege statt?

Ungeschönte Arbeitsberichte auf der Sunacare-Website geben Einblick in eine Arbeit, die frühmorgens beginnt, wenn die Pflegebedürftigen aufwachen, und endet, wenn sie schlafen. „Sobald meine Kundin dann im Bett liegt, nutze ich ein bisschen die Zeit für mich“, sagt Anna, die seit sechs Jahren in Deutschland arbeitet, „acht bis zehn Stunden am Tag“, nicht am Stück, notfalls auch nachts verfügbar. Ola, seit zwei Jahren Betreuungskraft in Deutschland, klagt über fehlende Anerkennung für den Job: Eine Kundin mochte sie nicht, Angehörige überwachten sie auf Schritt und Tritt.

Aufgabe der Agenturen sei es, bei derartigen Konflikten zu vermitteln, besser noch Pflegebedürftigen von vornherein eine passende Betreuungskraft zukommen zu lassen, sagt Schlör. Trotz allem sei der Job für die meist aus Polen stammenden Betreuungskräfte attraktiv: nicht nur finanziell, es melden sich auch immer mehr erfahrene Betreuungskräfte, die sich im Pflegeheim überfordert fühlen: „Im Pflegeheim sind Sie verantwortlich für 20, 30 Heimbewohner. Wenn Sie als Pflegekraft in einen Haushalt einziehen, sind Sie verantwortlich für eine, maximal zwei Personen.“

Corona – Der Bedarf an Pflegekräften wuchs sprunghaft

Corona hat die Branche vor widersprüchliche Herausforderungen gestellt: Der Bedarf wuchs sprunghaft dadurch, „dass viele Familien Angst haben, ihre Angehörigen in den Heimen zu lassen“. Hygieneregeln mussten in einen Pflegealltag integriert werden, wo Abstandsregeln gegen die Natur körpernaher Betreuung gehen. Daniel Schlör erwähnt die mit 54 Prozent niedrige Impfquote polnischer Beschäftigter – ein großes Risiko für Angehörige, die Live-in-Care-Kräfte „schwarz“ beschäftigen, laut Daniel Schlör „der überwiegende Teil“.

Die im Verband registrierten Live-in-Care-Agenturen überprüfen dagegen Impfstatus und Testpflicht nichtgeimpfter Pflegender. Erwarten Kundinnen und Kunden eine geimpfte Betreuungskraft, wird der Wunsch berücksichtigt.

Der Bundesverband häusliche Betreuung und Pflege macht sich für „verbindliche Qualitätsstandards“ stark, sieht sich allerdings von der Politik nicht ausreichend unterstützt. Immerhin ist im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung erwähnt, dass Rechtssicherheit und Versorgungsstandards der Branche gestärkt werden sollen. „Dass dies mit der notwendigen Priorisierung angegangen wird“, erwartet Daniel Schlör vom neuen SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach. (Joane Studnik)

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