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„Freedom Day“: Seit wann verstehen „Querdenker:innen“ etwas von Freiheit?

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Von: Katja Thorwarth

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„Querdenker:innen“ und ihr Gefühl von Diktatur.
„Querdenker:innen“ und ihr Gefühl von Diktatur. © Stefan Sauer/dpa

Querdenker:innen verweigern die Corona-Impfung, viele ziehen schamlose Vergleiche zur NS-Zeit. Doch wieso dürfen sie das in der vermeintlichen Diktatur?

Corona hat in den vergangenen zwei Jahren zu so mancher Diskursverschiebung inspiriert, wobei das Opfer-Gebaren vieler sogenannter Querdenker:innen als besonders aggressiv hervorsticht. Ob nun eine Jana aus Kassel sich mit Sophie Scholl vergleicht oder ein Marschierer in Frankfurt die „Frankfurter Rundschau“ mit dem „Stürmer“ in eins bringt: Beide verorten sich in eine lebensbedrohliche Situation, die sie maximal aus dem Historien-Kanal von Youtube kennen dürften.

Ebenso wie jene mit dem gelben „Ungeimpft“-Stern auf „Querdenken“-Demos, verharmlosen solche Leute schambefreit die Gräueltaten des Nationalsozialismus, um sich in ihrem ganz eigenen Opfer-Täter-Konstrukt in Stellung zu bringen. Geschichtsvergessen wird aus einer Demokratie plötzlich eine Corona-„Diktatur“, und das „Volksverräter“-Geplärre ist montags wieder genauso „In“ wie in Zeiten von „Pegida“.

Querdenker:innen nutzen Freiheit als Kampfbegriff mit Assoziation einer Diktatur

Welcher Begriff im Kontext des Opfermodus quasi mit der „Diktatur“ Händchen hält, ist der der „Freiheit“. Was haben sie gejammert, als Marius Müller-Westernhagen ihnen ihren Lieblingsprotestsong „Freiheit“ madig machte, indem er – fortan der „Systembückling“ – auf Instagram die Corona-Impfung als Aspekt genau einer solchen markierte.

„Freiheit“, wie sie inflationär durch die Krise geistert, wird diametral zu Corona-Maßnahmen gesehen und dient entsprechend als Kampfbegriff, der Einschränkungen mit „Diktatur“ assoziiert. Dabei geht es, mal die Verhältnisse geraderückend, aktuell um eine Unfreiheit insofern, als dass beispielsweise Ungeimpfte nicht ins Kino oder Restaurant dürfen. Sie müssten sich halt impfen lassen, nehmen sich aber genau die Freiheit in dieser verfluchten „Diktatur“, ebendies nicht zu tun.

Freiheit bedeutet zwanglos – Corona bringt aber nicht gleich Diktatur mit sich

Es ist kompliziert, denn Freiheit meint schließlich, aus unterschiedlichen Möglichkeiten ohne Zwang entscheiden zu können. Fällt in Zeiten einer Pandemie leider flach, denn da sollte das Infektionsgeschehen die individuellen beziehungsweise kollektiven Handlungsoptionen bestimmen. Und, dass die Freiheit dort limitiert wird, wo potenziell eine Schädigung Dritter erfolgt, ist dem Freiheitsbegriff implizit.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Corona-Politik in Teilen einem Offenbarungseid gleichkommt; dennoch ist sie von „Diktatur“ beziehungsweise einem „Freiheitsentzug“ so weit entfernt, wie die „Bild“ von Journalismus. Das Springer-Blatt kann das jedoch kompensieren, indem es, wie kürzlich mit dem „Bummel-Plan zur Freiheit“ auf dem Titel, eine weitere Gefangenen-Assoziation beisteuert.

Querdenker:innen leben öffentlich Freiheit aus – beklagen aber Corona-Diktatur

Die wurde allerdings auf Seite 2 aufgelöst, denn da kroch eine schwarz-rot-goldene Schnecke mit OP-Maske „noch 5 Wochen der Freiheit entgegen“, wobei diese patriotische Bauchfüßlerin so frei war, wie jede „Bild“-lesende „Querdenkerin“ es nur sein kann. Knastfrei geht es unter stahlblauem Himmel einem „Freedom Day“ mit Corona-Lockerungen als Stufenplan entgegen, der schon schwer nach „Independence Day“ klingt – an dem wiederum die Menschheit von Aliens befreit wurde, wie Hollywood weiß.

Also kommen wir zum Kernproblem. „Freiheit“ wird hier nicht etwa eingesetzt, um die De-facto-Missstände aufgrund real existierender Unfreiheit aufzuzeigen. Die da unter vielen anderen wären: keine gesellschaftliche Teilhabe aufgrund sozialer Marginalisierung oder etwa Kasernierung von geflüchteten Menschen in sogenannte Anker-Zentren. Auch Schattenfamilien, aus Angst um ihre vorerkrankten Angehörigen völlig isoliert, haben sicherlich einen anderen Freiheitsbegriff, als die „Diktaturgeplagten“, die ihr Entfaltungsbedürfnis im öffentlichen Raum ungehindert ausleben. (Katja Thorwarth)

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