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In vielen Ländern der Welt ist noch kaum oder gar nicht gegen Corona geimpft worden – hier eine aktuelle Aufnahme aus Malawi.
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In vielen Ländern der Welt ist noch kaum oder gar nicht gegen Corona geimpft worden – hier eine aktuelle Aufnahme aus Malawi.

Kolumne

Corona-Impfungen: Eine chauvinistische Debatte der Deutschen

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Manche können es nicht ertragen, dass andere Staaten schneller sind beim Impfen. Solch ein Chauvinismus steht gerade den Deutschen nicht gut zu Gesicht. Die Kolumne.

Frankfurt am Main - Eigentlich ist sie ganz nett, hatte ich gedacht. Ich kenne sie nur flüchtig, hatte gelegentlich ein paar Worte mit ihr gewechselt. So auch unlängst. „Wie geht es?“, fragte sie und stellte damit eine der denkbar unnötigsten Fragen. Denn will man da tatsächlich die Wahrheit wissen? Etwa „naja, ich habe da so einen eitrigen Abszess im Schritt. Der nässt mir die ganze Unterhose voll und juckt fürchterlich“? Also. Mangels Abszess antwortete ich: „Naja, den meisten Menschen auf dieser Welt geht es gerade schlechter.“

Sie sah mich an, als hätte ich tatsächlich ein Geschwulst beschrieben und säuselte im Tonfall eines miesen Therapeuten: „Man soll sich nicht mit anderen messen. Du selbst sollst dir der Wichtigste sein.“ In diesem Moment überkam mich so eine Ahnung. Ich beschloss, sie nicht mehr ganz nett zu finden und zischte: „Wenn ich an Gott glauben würde, müsste ich ihm täglich dafür danken, in einem der reichsten Länder der Erde leben zu dürfen. Und da soll ich mich auch noch wichtiger nehmen als andere?“ Ihre Entgegnung bestätigte meine Befürchtung. „Reiches Land?“, meinte sie, „Schön wär’s. Und warum werden dann alle anderen geimpft und wir nicht?“

Entrüstung, dass andere vor „uns“ gegen Covid-19 geimpft werden

Zur Erklärung: Die Dame ist nicht blöd, sie hat studiert, arbeitet im sozialen Bereich, geht auf Demos gegen Nazis und isst kein Fleisch. Ein bisschen Reflexion könnte man da also durchaus erwarten. Doch Begegnungen dieser Art habe ich öfter in letzter Zeit. Manchmal so drastisch wie mit der Dame, häufiger subtil in Form kleiner, aber ernst gemeinter Bemerkungen am Rande.

Aussagen, in denen plötzlich ein mich enorm irritierendes „Wir“ wieder eine Rolle spielt. Ein „Wir“, mit dem eine exakt eingegrenzte Menge Menschen gemeint ist, nämlich die Menschen in diesem Land, die Deutschen. Mehr noch. Verbunden mit diesem mir so unangenehmen Selbstverständnis ist die unterschwellige Erwartung, dass dieser Teil der Weltbevölkerung doch gefälligst bevorzugt zu behandeln sei. Daraus folgt die Entrüstung, dass andere vor „uns“ gegen Covid-19 geimpft werden – und daraus wiederum die Unzufriedenheit mit den hiesigen Regierenden, weil die der Welt nicht klarzumachen vermochten, dass „wir“ Deutsche doch eigentlich die Wichtigsten seien. Aber sollte denn nicht „Deutschland, Deutschland über alles“ nur noch in den Geschichtsbüchern existieren?

Es ist egal, wo ein Mensch geimpft wird

Das klingt fürchterlich, ist gewiss auch überspitzt dargestellt. Doch birgt es nicht auch etwas Wahrheit? Ich schätze mal, dass weltweit rund 90 Prozent aller Menschen froh wären, wenn sie auch nur eine vage Aussicht auf eine Impfung hätten, egal wann. Woher nimmt dann dieses „Wir“ das Recht, andere zu beneiden, nur weil die etwas schneller geimpft werden als „wir“?

Um es zu verdeutlichen: Wir haben es mit einer weltweiten Pandemie zu tun. Mit einer Seuche, die sich binnen weniger Stunden von einem Ende der Erde auf das andere übertragen kann. Da ist es vollkommen egal, ob ein Mensch in Kalkutta geimpft wird, in Sacramento, Tel Aviv oder Recklinghausen. Egal, wo sie gesetzt wird, jede einzelne Spritze trägt zu einer globalen Immunisierung bei. Chauvinismus ist jedenfalls mit Sicherheit das untauglichste Mittel dafür. Und „uns“ Deutschen steht er am wenigsten gut zu Gesicht.

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