Schon lange ist kein Politiker mehr so deutlich als beleidigte Leberwurst verhöhnt worden wie Friedrich Merz
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Schon lange ist kein Politiker mehr so deutlich als beleidigte Leberwurst verhöhnt worden wie Friedrich Merz.

CDU-Vorsitz

Die Geschichte von Friedrich Merz oder dem Esel unter dem Polarstern

  • vonManfred Niekisch
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Man muss sich keine Sorgen machen um den Politiker Merz, der sich just auf dünnes Eis begeben hat. Um die Eisbären und ums Klima aber schon. Die Kolumne.

Der Metzger nahm sie zu spät aus dem Kessel. Da war die Leberwurst beleidigt und platzte vor Wut. Ob das Sprachbild von der beleidigten Leberwurst sich historisch korrekt so ableitet oder nicht, ist eigentlich egal. Jeder weiß, was gemeint ist. Zumindest in deutschen Landen, weltweit berühmt für ihre Würste. In anderen Sprachen funktioniert der Ausdruck nicht. Da passt schon eher der vom dünnen Eis, auf dem sich jemand bewegt, mit der Gefahr einzubrechen. Oder sich lächerlich zu machen, eben so wie eine beleidigte Leberwurst.

Friedrich Merz will trotz Corona Parteitag durchdrücken

Hier treffen sich zwei Redewendungen, die gerade besonders häufig zu hören sind. Denn schon lange ist kein Politiker mehr so deutlich als beleidigte Leberwurst verhöhnt worden wie Friedrich Merz, einer der Aspiranten auf die CDU-Spitze und die Kanzlerkandidatur. Mit seiner Forderung, den CDU-Parteitag richtig traditionell abzuhalten, hat er sich auf ganz dünnes Eis begeben.

Von Olympia bis zur Notartagung, von der Opernpremiere bis zur Hochzeitsfeier – die Liste der wegen Corona richtigerweise verschobenen, auf digitale Präsenz umgebastelten oder ganz abgesagten Veranstaltungen könnte heterogener nicht sein. Und trotzdem, entgegen dem Beschluss seiner Noch-immer-Bundeskanzlerin und der Ministerpräsidenten der Länder, wollte Merz einen Parteitag durchdrücken. Die breite Kritik an seiner Haltung schlug schnell um in Häme und Spott, als er beleidigt greinte, man wolle mit einem späteren oder anderen Parteitag seine Wahl verhindern. Er ist eingebrochen.

Da fällt einem gleich noch das deutsche Sprichwort ein, was ein Esel tut, wenn ihm zu wohl wird: Er geht aufs Eis. Das tun gerade auch einige andere. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich Kabarettist:innen und Magazine sehr oft auf dünnem Eis bewegen, mit Satire, die nach Kurt Tucholsky bekanntlich alles darf. Manchen fehlt dabei aber leider das goldene Herz, das der Altmeister für sich reklamierte.

Verunglimpfung ist nicht gleich Satire: Siehe Dieter Nuhr

Wenn es denn schlechte Satire gibt, dann begibt sich in letzter Zeit kaum jemand so fast schon routinemäßig auf glattes Eis wie Dieter Nuhr. Verunglimpfung ist nicht gleich Satire. Seine grobschlächtigen, rückwärts gerichteten Hiebe gegen Klimaschutz und Klimaschützer und die Auseinandersetzung sogar mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft sind ungelenke Hüpfer auf ganz brüchigem Untergrund.

Dieses reale dünne Eis aber, das nicht im übertragenen Sinn gemeinte, schiebt sich umso bedrohlicher in das öffentliche Bewusstsein. Spätestens seit der Rückkehr des Forschungsschiffes „Polarstern“ aus der Arktis. Das viel zu dünne Eis der nördlichen Polarregion, das die Expedition dort antrafen, ist eine Folge des Klimawandels, den der oben genannte Pseudospaßmacher ins Lächerliche zu ziehen versuchte. Je dünner das Eis am Nordpol ist, desto stärker erwärmt sich die Erde weiter. Dickes Eis schickte die Sonnenwärme bisher zurück ins All und kühlte das Meer.

Stattdessen herrscht jetzt dunkles Wasser vor, das die Wärme aufnimmt und das Klima weiter anheizt. Die Forscher:innen an Bord der „Polarstern“ haben wie in einem Album für die Nachwelt Erinnerungen festgehalten an eine einst vereiste Welt, die es bald nicht mehr geben dürfte. Jetzt bewegen sich dort die Eisbären auf ganz dünnem Eis, als Folge unserer weltweiten Klimapolitik, die ziemlich eingebrochen ist.

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